Runde Sachen waren immer ein Grund zum Feiern
Viele Anekdoten ranken sich ums Reifenwerk, dessen Beschäftigte und die Produkte. Ein Verein kümmert sich seit 1993 um ehemalige Mitarbeiter.

Von Thomas Riemer
 
Ex-Weltklasse-Gewichtheber und Olympiasieger Marc Huster brachte einmal gleichzeitig 14 Reifen zur Hochstrecke. Im Januar 1998 war das. Das Pneumant-Reifenwerk feierte die Herstellung des 100-millionsten Reifens seit Beginn der Neureifenproduktion 1946 mit einer Riesenshow. Der frühere Bob-Champion Harald Czudaj erhielt am gleichen Tag, im zur Arena umgebauten Fertigteillager, fünf Pneus in den olympischen Farben als Maskottchen für die Winterspiele im fernen Japan. Lang ist’s her.
Es ist eine wechselvolle Geschichte, die das Riesaer Reifenwerk seit 1946 absolviert hat. Im Oktober wurde der erste Neureifen gefertigt. „Er wurde auf einer einfachen handbetriebenen Flachtrommel aufgebaut und in einer Runderneuerungsform abgeheizt“, heißt es dazu in einer Firmenchronik. Beschrieben werden gleichermaßen Herstellungsprovisorien, die zwangsläufig zu Fertigungsfehlern führten.

Acht Prozent Ausschuss

Acht Prozent Reklamationsanteil wurden im ersten Jahr der Neureifenproduktion ausgewiesen. Zwei Jahre später ging das Werk in Volkseigentum über. Aktivisten, Sonderschichten, „Betrieb der sozialistischen Arbeit“ – kaum eine der Ehrungen, Produktionsschwerpunkte und Erfolgslosungen der DDR gingen am Reifenwerk vorbei.
In Wendezeiten erfolgte der Zusammenschluss mit dem Fürstenwalder Reifenproduzenten zur Pneumant Reifen GmbH. Zwei Jahre nach dem Eintritt in die Hanauer SP Reifenwerke Gruppe (Dunlop) feierte die Riesaer Niederlassung 50-jähriges Bestehen. Pneumant habe sich gefangen und befinde sich auf sicherer Erfolgsspur, sagte zur Feierstunde der Technische Geschäftsführer Wilhelm Endres. „Die Auftragslage für das Werk Riesa ist gut.“ Die Nachfrage nach Pneumant-Reifen steige kontinuierlich. Fast zwei Millionen Reifen verließen allein 1996 den Standort an der Elbe.
Falk Schadel, von 1963 an 46 Jahre ununterbrochen im Reifenwerk tätig, erinnert sich an den Moment der Übernahme durch Dunlop als das „Beste, was dem Werk passieren konnte“. Zwar ging die Zahl der Mitarbeiter erheblich zurück. Doch das Werk erhielt einen hochmodernen Zuschnitt. Und Pneumant-Reifen boomten. Das jetzt kommende Aus stimmt Falk Schadel daher ein wenig traurig. „Aber ich habe schon länger geahnt, dass die Marke dem Untergang geweiht ist“, sagt er dann. Denn die Belegschaft habe gemerkt, dass die Nachfrage sank.
Unter „alten Reifenwerkern“ werden auch heute noch Anekdoten aus vermeintlich längst vergessenen Zeiten erzählt. Annemarie Pollock gehört zu jenen Unentwegten , die für die Mitglieder des Vereins „Senioren Pneumant Riesa“ regelmäßige Zusammenkünfte organisiert. Seit 1993 existiert der Verein, und 60 „Ehemalige“ gehören zum illustren Kreis. „Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, die Leute aufzufangen“, sagt Annemarie Pollock. Sommer- und Jahresabschlussfeste gehören ebenso zum Vereinsleben wie Skatturniere, Informationsrunden oder Geburtstagsfeiern.

200 Millionen Reifen avisiert

Ja, zu feiern gab es im Reifenwerk immer wieder etwas. Anlass sind zumeist runde Sachen. Für 2035 hat das Unternehmen eine nächste große Fete avisiert: Dann soll der 200-millionste Reifen Riesa verlassen, glaubt man einer Prognose aus dem Jahr 1998. Kleiner Wermutstropfen: Ein Pneumant wird es jedoch nicht sein.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 11. Januar 2012)

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