Wie die Eier ins Bier kamen
Braumeister Gunter Spies will ein traditionelles Riesaer Getränk zu Ostern beleben. Allerdings sucht er noch nach dem Originalrezept.
 
Von Thomas Riemer
 
Der Bassposaunist Jörg Richter von der Neuen Elbland Philharmonie ist möglicherweise „schuld“, dass es dieses Jahr zu Ostern für so manchen Riesaer einen ganz besonderen Genuss gibt. Der Grund ist ein Roman aus dem Jahr 1867. Geschrieben hat ihn der berühmte Schriftsteller Wilhelm Raabe unter dem Titel „Abu Telfan oder die Heimkehr vom Mondgebirge“. Im Verlauf der Geschichte reist der Protagonist Leonhard Hagebucher nach jahrelanger Gefangenschaft aus der Sklaverei in Abu Telfan/Dafur zurück in seine Heimat, wo er für tot gehalten wird. Vorlage für diese Romanfigur war der Revolutionär Albert Dulk. Und auf dieser Rückreise mit der eisenbahn wird Riesa für sein besonders schmackhaftes „Eierbier“ ausdrücklich erwähnt. Angeblich soll es das auf dem Bahnhof gegeben haben.
 
Jörg Richter war neugierig geworden und schickte dem Riesaer Braumeister Gunter Spies eine entsprechende Nachricht. „Wäre das nicht interessant für Sie?“ so Richter. „Und ob“, so die Antwort des Braumeisters. Der aber ist „nebenher“ Hobbyhistoriker aus Leidenschaft und recherchiert seitdem, was es denn mit dem berühmten Riesaer „Eierbier“ auf sich hat. Fündig wurde er in der 12. Auflage von Beadeckers Reiseführer aus dem Jahr 1855. „Zu Riesa (Bahnhofs-Restauration, Eierbier 1 Ngr. die Tasse) zweigt sich die Chemnitzer Bahn ab. Unter der Ortskirche ist die herrschaftliche Gruft, in welcher die Leichen nicht
verwesen; zwei aus dem 17. Jahrh. haben Aehnlichkeit mit den in der Kirche befindlichen Bildnissen“, heißt es darin unter anderem. „1 Ngr.“ – das bedeutet zum Preis von einem Neugroschen. Zum Vergleich: 30 Neugroschen entsprachen einem Taler. Spies‘ Nachforschungen ergaben, dass Wilhelm Raabe für seinen Roman diesen Reiseführer benutzt haben muss. „Dieses Biermischgetränk muss es also tatsächlich gegeben haben“, folgert der Hobby-Historiker. 1855 war zwar noch keine Bahnhofsgaststätte vorhanden. „Jedoch hatte der geschäftstüchtige Rittergutsbesitzer aus Gröba etwas außerhalb des Bahnhofsgeländes den Gasthof ,Stadt Leipzig‘ errichtet“, so Gunter Spies. Den Überlieferungen zufolge „speisten dort die Reisenden, da die Züge meist längeren Aufenthalt hatten, um die englische Kohle zu bunkern, die über die Elbe angeliefert wurde.
 
Was dem Braumeister jetzt noch fehlt, ist das Original-Rezept des Riesaer Eierbiers. Jedenfalls wolle er sich nicht mit den zahlreichen Eierbier-Rezepturen aus dem Internet zufriedengeben. „Wir wollen natürlich das Original“, so Gunter Spies. Neben eigenen Recherchen hoffe er dabei auf eventuelle Erinnerungen oder Überlieferungen aus riesa selbst, vor allem natürlich Gröba.
 
Ob und wieviel „Riesaer Eierbier“ bis zu den Feiertagen zu Ostern gebraut wird, ist noch nicht klar. Ebensowenig, ob es dann auch die Tasse für einen Neugroschen gibt. Denn Genuss hat natürlich seinen Preis.
 
(Sächsische Zeitung Riesa, 28. März 2012)
 

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