97 Gegentore in drei Spielen

 

97 Gegentore in drei Spielen

Die neu gegründete D-Jugend-Fußball des TSV Stahl Riesa erwischt einen totalen Fehlstart in die neue Saison. Trotz des Fiaskos will die Vereinsführung am Aufbau der Mannschaft festhalten.

 

Von Thomas Riemer

 

Ein Fußballspiel einer D-Jugend-Mannschaft dauert normalerweise 60 Minuten. Rein statistisch gesehen, haben damit die kleinen Kicker des TSV Stahl Riesa in den ersten drei Saisonspielen mindestens aller zwei Minuten ein Gegentor kassiert. Die niederschmetternde Bilanz: drei Spiele, 1:97 Tore, null Punkte. Während es gegen die SG Canitz ein respektables 1:7 gab, hagelte es bei den Staffelfavoriten Traktor Priestewitz (0:44) und jüngst 1. FC Coswig (0:46) überaus derbe Schlappen. Und es könnte sogar noch schlimmer aussehen. Doch zum ersten Saisonspiel auf heimischem Rasen gegen Traktor Kalkreuth traten die Stahl-Kicker gar nicht erst an – offenbar wegen Spielermangel.

 

Jetzt soll die Reißleine gezogen werden – doch das regen nicht etwa die TSV-Verantwortlichen, sondern ausgerechnet Betreuer und Trainer der Konkurrenz an. Im Internet eröffneten sie einen Thread mit dem viel sagenden Titel: „TSV Stahl Riesa - bitte habt Erbarmen mit den Kindern eurer D-Jugend und zieht die Mannschaft vom Spielbetrieb zurück.“ In mittlerweile sehr zahlreichen und emotional geprägten Beiträgen äußern dort die Beobachter vor allem Mitleid und Bedauern mit den jungen Spielern und warnen vor einem „Knacks“, den solch empfindliche Rückschläge auch für die kleinen Persönlichkeiten mit sich bringen könnten.

 

Derlei Debatten gehen natürlich an der Vereinsführung des TSV Stahl nicht ungehört vorbei. Und deshalb war die D-Jugend eins der Themen bei einer Trainer-Sitzung am Mittwochabend. Das vorläufige Ergebnis: Alle Beteiligten wollen an der Mannschaft festhalten und sie fit für den Punktspielalltag machen. Auch die Eltern und die Kinder seien nach seiner Kenntnis dafür, „dass es weitergeht“, so TSV-Präsident Stephan Robl. „Das muss und wird wachsen“, sagt er zur Zukunft der D-Mannschaft.

 

Die ist mit Saisonbeginn buchstäblich aus dem Boden gestampft worden. Erst im Frühjahr hatte der Verein begonnen, eine Mannschaft aufzubauen. Mühsam wurde ein kleiner Spielerstamm gewonnen – nicht alle zwar im D-Jugend-Alter. Aber immerhin genug, um eine Truppe für den Spielbetrieb anzumelden. „Inzwischen sind es neun oder zehn Kinder, die dabei sind“, so Jugendkoordinator Ron Bößneck. Wunderdinge dürfe man angesichts der drei oder vier Monate seit der Gründung natürlich nicht erwarten. Aber er spüre, das „die Kinder Lust am Fußball haben“, und das sei wichtig. Die bisherigen Gegner aus Priestewitz und Coswig seien erwartungsgemäß eine Nummer zu groß für die Stahler gewesen und gehören eigentlich „in eine andere Liga“. Aber es kommen schließlich auch noch „leichtere“ Kontrahenten. In den nächsten Wochen werde der Verein die Vorbereitung der jungen Spieler (und Spielerinnen) forcieren, unter anderem ist ein dreitägiges Kurztrainingslager geplant. „Wir warten jetzt noch fünf Spiele, und dann werden wir mal weitersehen“, so Ron Bößneck. Für ihn steht im Vordergrund, die Kinder um Gottes willen nicht fallenzulassen, sondern mit ihnen zu arbeiten. Dafür aber brauche es Zeit.

 

Auch Präsident Robl ist da guter Hoffnung. Und verhehlt nicht, dass der TSV Stahl in dieser Frage an den gesamten Verein denkt. „Wir sind gezwungen, eine Jugend aufzubauen“, sagt er mit Blick auf Vorgaben der Verbände, ein bestimmtes Limit an Nachwuchsmannschaften aufzustellen, um Erfolge der Männerteams nicht zu gefährden. Mit der Gründung einer Spielgemeinschaft mit dem SV Röderau-Bobersen sei Stahl da schon einen wichtigen Schritt gegangen. „Wir brauchen eine Basis“, ist sich Robl sicher. Und er sei zuversichtlich, dass sich die D-Jugend nicht eine empfindliche Klatsche nach der anderen abholen wird. Denn auch bei anderen Vereinen gehe es „mal rauf und mal runter“. Dass der TSV Stahl in Sachen Nachwuchsarbeit noch in den Kinderschuhen steckt, bestreitet er nicht. „Wir sind nunmal erst acht Jahre als Verein auf dem Markt.“

 

Gut eine Woche ist nun Zeit bis zum nächsten Pflichtspiel der D-Jugend. Inzwischen fand ein Elternabend beim TSV Stahl statt. Dort wurde gemeinsam mit den Eltern über die Situation geredet. Es geht weiter, so der Tenor. Für Ron Bößneck jedenfalls wäre ein Rückzug aus dem Spielbetrieb bedenklich. „Für den Nachwuchsfußball generell ist so etwas nicht förderlich“, sagt er.

 

(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Ausgaben Riesa, Großenhain, Meißen, am 30. September 2011)

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