Ost-Klassiker gegen Hansa Rostock im Sommer
Spiele der BSG Stahl Riesa gegen die Norddeutschen waren nicht immer freudige Ereignisse. Das wird diesmal anders sein. Die SZ erzählt, wie es zu dem Kontakt kam.
 
Von Thomas Riemer
 
Der 28. Mai 1988 war für Fußballer und Fans des FC Hansa Rostock und der BSG Stahl Riesa ein denkwürdiger Tag. Für die Elbestädter auch ein trauriger. Beide Vereine trafen damals zum letzten Mal in einem Spiel der DDR-Fußball-Oberliga aufeinander. Vor 13000 Zuschauern im Ostseestadion trennte man sich im letzten Saisonspiel 2:2. Jens Wahl und Rainer Jarohs für die Hanseaten sowie Doppeltorschütze Jens Pfahl für die „Stahler“ schossen die Tore. Der Wermutstropfen: Stahl Riesa hatte schon vorher den Klassenerhalt vergeigt. Hansa wurde am Saisonende Neunter. Meister war übrigens der damals meistgehasste DDR-Club BFC Dynamo.
 
24 Jahre später kommt es nun zu einer Neuauflage des „Klassikers“. Diesmal in der Riesaer Nudelarena. „Ein genauer Termin wird in Kürze bekannt gegeben“, so Stefan Robl. Er ist noch Präsident des TSV Stahl Riesa, wird aber mit Beginn der neuen Saison wieder der BSG Stahl vorstehen. Das ist dann zwar keine Betriebs-Sport-Gemeinschaft, sondern die Rasen-Ball-Sportgemeinschaft Stahl Riesa. Für das Aufeinandertreffen mit den Hanseaten ist das jedoch mehr als nur Namenskosmetik. Denn zu erwarten ist nicht nur hochklassiger Fußball in Merzdorf, sondern auch so manches Gespräch über die insgesamt 26 Begegnungen zwischen beiden Vereinen im DDR-Oberhaus.
 
Vergangenes Wochenende ist das Spiel verabredet worden – am Rande eines anderen Ost-Klassikers. Der Stahl-Sponsorenbeauftragte Dietmar Schubert sowie Stefan Robl hatten am Sonntag eine Einladung nach Rostock bekommen zum Zweitliga-Spiel Hansa gegen Erzgebirge Aue. „Die Einladung kam von Michael Demuth aus Hitzacker, der in seiner Jugend bei Stahl gespielt hat“, so Robl. Demuth habe die Entwicklung des Riesaer Fußballs immer beobachtet „und war begeistert, dass die BSG zurückkommt“, so Robl. Auch Stefan „Paule“ Beinlich, früherer Hansa- und Nationalspieler und heute Manager beim Ostseeklub, habe sich gefreut. Spontan sagte er, dass er jetzt wohl seinen Schal mit dem alten BSG-Logo wieder aus dem Schrank holen werde.
 
Der Blick in die Geschichtsbücher macht klar: 1987/88 hatte Stahl Riesa zwar eine überaus schlagkräftige Truppe. Für die Oberliga reichte das Niveau aber nicht mehr aus. Im letzten Saisonspiel gegen Hansa stand immerhin Routinier Claus Boden zwischen den Pfosten. Beim Erzrivalen Dynamo Dresden hatte er lange Jahre den Kasten gehütet, war dann elbaufwärts gewechselt. Gestandene Kicker wie Jens Leonardt, die Gebrüder Steffen und Frank Dünger, Gero Maaß, Sven Kretzschmar und eben jener Jens Pfahl gehörten zum Aufgebot. Der Lockenkopf, Geburtsjahr 1960, war der Torschütze vom Dienst. In der letzten Oberligasaison traf er immerhin 13 Mal für Stahl ins Schwarze, ein Jahr zuvor gelangen sogar 15 Treffer. Nach der Wende wechselte er über die Station Stahl Brandenburg zu den Zweitligisten Fortuna Köln und Darmstadt 98. Doch so viele Tore wie für die BSG Stahl gelangen ihm nie wieder! Trainer der BSG Stahl war in der Abstiegssaison übrigens Manfred Lienemann. Der heute 66-Jährige war vom damaligen FC Karl-Marx-Stadt gekommen. Heute ist er Ehrenmitglied des Chemnitzer FC.
 
Was wahrscheinlich nur noch wenige Fußballfreunde auf Anhieb wissen: Die BSG Stahl Riesa und der FC Hansa Rostock sind auch mal gemeinsam aus der Oberliga abgestiegen. Nach der Saison 1976/77 war das. Ironie der Geschichte: Auch damals trafen beide Teams am letzten Spieltag aufeinander. Die Abstiegsfrage wurde in einem „Herzschlagfinale“ geklärt. Der Sieger der Begegnung wäre in jedem Fall erstklassig geblieben. Doch das Spiel in Rostock ging torlos aus. Hansa wurde mit 20 Punkten 14. und damit Letzer, Stahl mit einem Punkt mehr 13. Zum Vergleich: Der Tabellenachte, Sachsenring Zwickau, hatte lediglich 22 Zähler… Meister in jenem Jahr war übrigens Dynamo Dresden – mit einem gewissen Claus Boden zwischen den Pfosten.
 
Und noch ein Blick in die Statistik der Begegnungen: Von den 26 Spielen gewann Hansa zehn, Stahl neun. Sieben Mal trennte man sich remis. 35:33 lautet das Torverhältnis zugunsten der Norddeutschen. Bemerkenswert: Im Ostseestadion konnten die Riesaer nicht eine einzige Begegnung für sich entscheiden.
 
Von der Erstklassigkeit sind heute beide Vereine weit, weit entfernt. Immerhin: Hansa schaffte auch nach der Wende den Sprung nach oben, war sogar letzter DDR-Meister. Doch momentan schaukelt die Kogge als Schlusslicht der 2. Bundesliga. Die Riesaer Fußballgeschichte indes ist gut bekannt. Der jetzige TSV Stahl hat den Traum vom Aufstieg in die Landesliga noch nicht aufgegeben, will heute mit drei Punkten gegen Hainsberger SV zumindest keinen weiteren Boden auf die Spitze einbüßen.
 
(Sächsische Zeitung Riesa, 31. März 2012)

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