Sportsgeist wie bei Olympia

Teilnehmer und Betreuer der Special Olympics fühlten sich in Riesa wohl und vollbrachten wahre olympische Spitzenleistungen.

Von Thomas Riemer

Mit rasender Geschwindigkeit fährt Radrennfahrer Sascha Hahnemann durch das Ziel zwischen Riesaer Schwimmhalle und Erdgasarena. Bremst dann kurz, steigt vom Rad, legt es auf den Bürgersteig. Dann sprintet er auf die andere Straßenseite und umarmt seine Trainer, Betreuer, die Kampfrichter, Mitkonkurrenten, Freunde – eigentlich alle Umstehenden. Reißt immer wieder die Arme hoch. „Ich hab es geschafft“, jubelt er, ehe er neben seinem Rad auf einer Wiese endlich zur Ruhe kommt (Foto).

Hahnemann war einer von rund 700 Sportlern mit geistiger Behinderung, die drei Tage lang das Areal in der Pausitzer Delle mit dem olympischen Gedanken ausfüllten. Die ersten sächsischen Special Olympics wurden dank ganz vieler Beteiligter zu einer Zelebration des Sportsgeistes erster Güte.

Die Sportler

Neun Sportarten standen auf dem Programm, darunter auch ein paar nichtolympische wie Boccia und Bowling. Im Sportzentrum „Olympia“ rollten fast unaufhörlich die Kugeln. Das Team der „Weißiger Werkstätten“ mittendrin. Angespornt vom ersten Medaillengewinn ihrer Einrichtung beim Boccia, hatten sie die Bowling-Qualifikation immerhin als Vierter absolviert. Im Endkampf läuft es noch besser. „Heute ist die Juliane richtig gut drauf“, sagt Mannschaftskollege Jörg. Er ist kurzfristig für einen erkrankten Teilnehmer des Teams eingesprungen und spornt seine Mitspieler immer wieder an. Und Juliane – sonst sehr still – steigert sich enorm und lässt sich von der Stimmung anstecken. Am Ende steht für die Weißiger Silber auf der Haben-Seite – und natürlich Riesenjubel.

Gleich nebenan in der Schwimmhalle wartet Jörgs Schwester Kati auf ihren Start über 25 Meter. Stolz geht sie in Richtung Start, stellt sich mit ihrer Freundin noch kurz für ein Erinnerungsfoto parat. Der Starter ruft – und plötzlich blockt Kati. Bruder Jörg, der leider nicht zur Seite stehen kann, hatte es ein bisschen geahnt. Und tatsächlich: Kein Betreuer, kein Kontrahent, kein Kampfrichter kann Kati überzeugen, ins warme Nass zu steigen. Da helfen gutes Zureden und auch die Geduld des Wettkampfgerichts nicht – nach gefühlten 15 Minuten startet der Wettkampf ohne Kati.

Keine Angst oder Nervosität zeigt dagegen Nicole von der Förderschule in Skäßchen. Mit riesigem Vorsprung gewinnt der kleine Lockenkopf den 100-Meter-Sprint im Leichtathletikstadion. Doch nicht nur sie genießt den kurzen Ruhm, im Rampenlicht zu stehen. Während Nikki scheinbar unbeeindruckt auf ihren Platz sinkt, empfangen die Platzierten mindestens genauso großen Jubel von den Rängen. Olympische Momente eben!

Die Helfer

Um die 200 Freiwillige kümmerten sich an den die Veranstaltungstagen um das Wohl und Wehe der Sportler. In blauen „Orga-Team“-T-Shirts oder den weißen Hemden mit dem Erkennungsschriftzug „Volunteers“. Vor, während und nach den Wettkämpfen sind sie da, wo sie gebraucht werden – und haben sichtlich Spaß. Eli Helm, Neuntklässlerin am Städtischen Gymnasium, hat sich für zwei Tage als Betreuerin für den Sport-Parcours in der Nähe des Festzeltes gemeldet. Zeit für die Wettkämpfe blieb trotzdem. „Ich habe mit meiner Freundin zusammen den 5000-Meter-Sieger bei der Leichtathletik abgeklatscht“, erzählt die 14-Jährige. Ich fand das so toll, wie aber alle jeden angefeuert haben. Obwohl sie Sportler sehr ehrgeizig sind, freut sich jeder für den anderen mit – Wahsinn.“

Die Prominenz

„Was hier geschieht, ist etwas Wunderbares“, so Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere. Der CDU-Mann hatte es sich nicht nehmen lassen, am Freitag höchstpersönlich die Wettkämpfe in seinem Wahlkreis zu besuchen und die ersten Medaillen an die Handballer aus Werdau, Delitzsch und Meißen zu überreichen. De Maiziere verwies darauf, dass außerhalb der „richtigen“ Olympischen Spiele nur die Behinderten das Recht haben, den „Markennamen“ Olympia zu verwenden. Und das zu Recht, wie er den Sportlern zurief, „weil wir von Ihnen lernen können, mit Siegen und mit Niederlagen umzugehen“.

Die Organisatoren

Peggy Freytag ist erleichtert. „Man, was wir für ein Glück mit dem Wetter hatten“, sagt die Geschäftsführerin des Sportclubs Riesa. Alles hat reibungslos funktioniert – bis hin zu Verpflegung und medizinischer Betreuung. Auch spontane Wünsche der Teilnehmer wurden erfüllt. „Sie hatten sich eine Disko im Zelt gewünscht“, erzählt Peggy Freytag. Gesagt, getan… Den emotionalen Höhepunkt hatten die Organisatoren bereits am Freitag. Da wurde Peter Johrcke, selbst Rollstuhlfahrer, für sein ehrenamtliches Engagement bei der Organisation der Spiele von Minister de Maiziere geehrt. Das sorgte für Freudentränen beim Ausgezeichneten, aber auch vielen Zuschauern. „Peter, Du bist Spitze“, rief der Chef des Vereins „Special Olympics Deutschland in Sachsen“ Jürgen Zenker ins Rund. Und er meinte damit ganz sicherlich alle, die für das Gelingen beeindruckender Spiele in Riesa sorgten.

(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 26. September 2011) 

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