Wer zieht sich das Akademie-Hemd an?
Die Gründung der Fußball-Akademie stößt auf geteilte Meinungen. Während sich Funktionäre in die Ferien zurückgezogen haben, diskutieren die Fans eifrig.
 
Von Thomas Riemer
 
Endlich werden Gräben zugeschüttet“, freute sich Riesas Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer kurz vor Weihnachten, als die vier Sportvereine mit Fußball-Nachwuchsabteilungen die Gründung der Fußball-Akademie bekannt gaben. Seitdem wird das Thema ziemlich heiß und kontrovers diskutiert. Vor allem in diversen Internetforen gibt es neben viel Lob für den Mut auch Vorbehalte bis hin zu ausgeprägter Skepsis aus der „Fangemeinde“.

Zurückhaltender sind dagegen die Reaktionen aus den Kreisen der zuständigen Verbände. „Wir müssen erst mal abwarten, wie sich das entwickelt“, sagt Matthias Steglich. Der Riesaer ist Vorsitzender des Jugendausschusses im Kreisverband Fußball Meißen. Die Gremien des Verbandes haben für dieses Jahr keine Beratungen mehr zu dem Thema vorgesehen, so Steglich. Der Kreisverband selbst habe von den Plänen im Vorfeld allerdings nichts gewusst. „Mit uns hat niemand geredet“, so Steglich. Deshalb wolle er jetzt nichts vorschnell kommentieren. Zunächst müsse die Akademie erst einmal Anträge beim Verband stellen – erst dann sehe man weiter.

Auch beim Sächsischen Fußballverband (SFV) denken die Funktionäre offenbar hinter verschlossenen Türen oder ganz privat über die Geschehnisse in Riesa nach. „Die Kollegen sind komplett im Weihnachtsurlaub“, so Franziska Dumont aus dem Sekretariat der Geschäftsstelle in Leipzig kurz und knapp auf eine entsprechende Anfrage der Sächsischen Zeitung. „Versuchen Sie es nächstes Jahr wieder.“

Weitaus diskussionsfreudiger zeigt sich die Internet-Gemeinde – und das nicht nur in Riesa. Aufmerksam beobachtet zum Beispiel Nachwuchs-Trainer Ferdi Sander aus Kassel die Debatte. „Ich find das klasse, das sollte auch in Nordhessen Schule machen“, kommentiert er die Riesaer Akademie-Pläne.

„Mit Bößneck, Kupper und Kühne ist Fußballsachverstand dabei“, findet Bernd Krämer. Gemeint sind damit die jeweils Jugendverantwortlichen des TSV Stahl Riesa, des SC Riesa sowie der SG Canitz. SC-Nachwuchschef Thomas Kupper hatte in der vergangenen Woche als „Wortführer“ die Pläne zur Gründung der als gemeinnützige GmbH geplanten Akademie verkündet. Dabei war den Beteiligten und Beobachtern allerdings auch schnell klar, dass die Präsentation wirklich nur der allererste Schritt in der Öffentlichkeit sein kann. Denn viele Fragen blieben offen. Stichwort Personalien: Wer wird in der gGmbH als Geschäftsführer fungieren? Oder: Wo wird sich der offizielle Sitz der Gesellschaft befinden? Für die Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen sei es noch zu früh, so Thomas Kupper. Eine definitive Postadresse „ist noch nicht spruchreif“. Und dabei verwies er insbesondere auf die Arbeitsgruppe, die sich vorrangig aus den vier Vereinen rekrutiert. Diese werden nach Lage der Dinge auch die Gesellschafter der gGmbH sein. Allgemeines Schulterzucken findet der Beobachter vor, wenn die Frage nach dem Sächsischen Fußballverband gestellt wird. Eine Fußball-Akademie nach Riesaer Vorstellungen sei höchstwahrscheinlich Neuland in Sachsen, vermutet Ronald Kühne von der SG Canitz. Und da die Nachwuchsteams der vier Vereine auch künftig unter ihren bisherigen Bezeichnungen inklusive Mannschaftsfarben auflaufen werden, müsse der Verband die Gesellschaft nicht zwingend einbeziehen, ergänzt Thomas Kupper.

So viel ist klar: Von einem einheitlichen Riesaer Fußballverein ist die Stadt weit entfernt. Auch wenn das neue Akademie-Logo in seiner Form und Gestaltung ansatzweise daran erinnert. Dass die Fußball-Akademie letztlich dazu dienen soll, Talente nicht irgendwohin abzugeben, sondern in der Elbestadt zu halten, daraus machen die Verantwortlichen kein Hehl. „Nur mit der Bündelung des Nachwuchses wird es gelingen, einen starken Unterbau zu bilden“, ist sich Thomas Kupper sicher. Dazu werde es viele Gespräche brauchen – mit Übungsleitern, den Kindern und Eltern, „die oft überzogenes Anspruchsdenken haben“.

„Die Akademie ist eine Chance, die lädierte Karre aus dem Dreck zu holen“, schrieb Siegmar Koch aus Leipzig dieser Tage in einer E-Mail. Franz Beckenbauers Antwort steht noch aus. „Schaun mer mal“, würde er sicher schreiben.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 28. Dezember 2011)

 

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