Diagnose Alzheimer - und nun?

 

"Zuletzt hat er mich nicht mehr erkannt"
 
 
Von Thomas Riemer
 
Eine Großenhainerin erzählt zum Welt-Alzheimer-Tag, wie sie fast zehn Jahre ihren Mann pflegte. Nach seinem Tod gesteht sie: Ich hatte oft Angst.
Monika Leisker (*) sitzt entspannt im gemütlichen Sessel. Wenn sie von ihren drei Kindern, sechs Enkeln und zwei Urenkeln erzählt, gerät sie ins Schwärmen und zeigt Bilder von Familienfeiern, Besuchen. Neben ihr liegt ein Buch auf der Sessellehne. Eine Frau erzählt darin, wie sie mit ihrem an Alzheimer erkrankten Mann lebte, welche Erfahrungen sie sammelte.

Ein Buch, das Monika Leisker selbst schreiben könnte. Im Januar diesen Jahres verstarb ihr Mann Bruno (*) im Alter von 83 Jahren - unter anderem an den Folgen seiner Alzheimer-Erkrankung. Vor knapp zehn Jahre stellten die Ärzte die Diagnose. "Ich wünsche niemandem, so etwas zu erleben", sagt Monika Leisker nachdenklich.

Sie selbst hatte damals die ersten Veränderungen bei ihrem Mann bemerkt. "Er ließ das aber nicht an sich ran", sagt die heute 74-Jährige. Es begann, dass Bruno Leisker (*) begann, in seiner "eigenen Welt" zu leben". Dinge tat, die niemand verstand. "Wenn wir in die Stadt gingen, dann lief er hinter mir her", erzählt Monika Leisker. Eine typische Situation, bestätigt Diana Fischer. Sie ist private Alltagsbegleiterin für Senioren, hat auch Monika Leisker und ihren Mann lange betreut. "An Alzheimer Erkrankte bemühen sich, nicht aufzufallen", sagt sie.

Sein Leben lang war Bruno Leisker aktiv. Geschickt als Handwerker, sportlich als Fußballer, viel unterwegs. Doch mit dem Erkennen der Krankheit begann ein sehr schleichender Prozess. Er habe in Gesprächen sehr vieles mit Floskeln überbrückt, erinnert sich seine Frau. Dann fand er sich in der Großenhainer Vier-Raum-Neubauwohnung nicht mehr zurecht. Stellte schmutziges Geschirr zurück in den Schrank, räumte auf, um die Sachen später nicht wiederzufinden oder zu "verkramen". Dinge, die ihn immer interessiert hatten, spielten keine Rolle mehr. "Zuletzt hat er mich nicht mehr erkannt. Für ihn war ich seine Freundin", erzählt Monika Leisker.

Es klingt nicht verbittert, natürlich traurig. Sie gesteht, dass sie oft Angst hatte, ihren Mann allein zu Hause zu lassen. Denn dann sei er oft weggelaufen - bis nach Folbern und Priestewitz. Und natürlich tat es Monika Leisker weh, wenn sie ihn aus Vorsicht und Angst einschloss. Aber es ging nicht anders. Zuletzt war Bruno Leisker zumindest tagsüber in Betreuung der Tagespflege beim DRK - für seine Frau eine riesige Hilfe. Denn so konnte sie wenigstens ein bisschen was von ihren Hobbys behalten. Zum Kegeln ist die rüstige Rentnerin gegangen, den Garten hält sie noch heute in Schuss.

"Ich musste damit klarkommen, und ich bin auch klargekommen", sagt Monika Leisker. Ohne Hilfe ging das nicht. Die Kinder, auch wenn sie inzwischen in der Ferne leben, kümmerten sich. Diana Fischer griff unter die Arme. "Ich war nie allein", sagt Monika Leisker. Doch sie sagt auch: "Eine Selbsthilfegruppe fehlt in Großenhain." Ein Ort, an dem sich sowohl Erkrankte als auch Angehörige treffen, austauschen können.

Über 50 Jahre waren Leiskers verheiratet. Monika hat ihren Bruno bis zuletzt umsorgt. Vielleicht sogar zu sehr, sagt sie heute. "Am Ende hab ich ihm alles abgenommen, vielleicht war das falsch", sagt sie. Eine "Lehrmeinung" dazu gibt es nicht. Alzheimer ist bis heute - dem Welt-Alzheimer-Tag - unheilbar. Zum Glück finden Angehörige Hilfe - zum Beispiel bei Diana Fischer. Oder eben in Büchern, die Monika Leisker griffbereit auf der Sessellehne hat. Sie hat auch nach Brunos Tod den Mut nicht verloren. Denn trotz aller Trauer "fühle ich mich befreiter", sagt die Seniorin.
 

(Sächsische Zeitung Großenhain, 21. September 2012)

 

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