Die "blutige Puppe" im Schminkkoffer

Die „blutige Puppe“ im Schminkkoffer
Vor acht Jahren fand eine Frau einen toten Säugling bei Riesa. Der Fall wurde letztlich dank DNA-Tests aufgeklärt. Emotional bewegte er das Elbland wie kaum ein anderer.
 
Von Thomas Riemer
Knisternde Spannung herrscht im kleinen Saal in der Riesaer Dienststelle der Kriminalpolizei. Journalisten tuscheln aufgeregt, Kamerateams nehmen den Tisch ins Visier, von dem aus der Leiter der Dresdner Mordkommission Volker Wichitill wenig später die erleichternde wie grausame Nachricht verkündet: Der Tod der Riesaer Babyleiche ist aufgeklärt. Es ist der 25. November 2003, ein grauer Herbsttag.
 
Knapp zwei Monate zuvor hatte die erschütternde Meldung zunächst den kleinen Ort Mergendorf, dann Riesa, dann das ganze Elbland geschockt. Am 27. September war eine 36-jährige Frau mit ihrem
sechsjährigen Sohn auf einen Feldweg gefahren, um Birnen aufzusammeln. Der Junge hatte dann
einen Schminkkoffer entdeckt und hineingegriffen. „Mutti, eine blutige Puppe“, hatte er noch gerufen. Von
zu Hause aus wurde die Polizei verständigt, die am nächsten Tag feststellte: Der Tod des Mädchens in
dem Koffer ist durch „Gewalt gegen den Kopf“ eingetreten. Der Säugling sei nach der Geburt voll ausgebildet und lebensfähig gewesen.
 
Volker Wichitill hielt mehrmals kurz inne, ehe er mit bebender Stimme die Neuigkeit vor den Medien verkündete. Heute, acht Jahre später, staunt er selbst, dass er damals von der Öffentlichkeit so wahrgenommen wurde. Denn als Kriminalist war es natürlich ein stolzer wie gleichsam bedrückender Moment, über die Aufklärung eines Verbrechens dieser Grausamkeit berichten zu können. Doch der Fall hatte viele Emotionen hervorgerufen. Auch bei den Ermittlern.
 
Viele, zu viele grausige und erschreckende Fakten waren zwischen dem grausigen Fund und dem Geständnis der Mutter des Neugeborenen zu Tage getreten. Auch Vermutungen. Die Täterin war damals 27 Jahre alt, „lebt in sozial gefestigter Position“, wie der damalige Oberstaatsanwalt Andreas Feron formuliert. Sie war, wie später bekannt wurde, Mitarbeiterin bei einer Riesaer Veranstaltungsgesellschaft. Dort fiel sie nicht auf, machte ihre Job gut. Noch wenige Tage vor der Tat war sie bei einer Großveranstaltung in der Erdgasarena bei der Arbeit. Von ihrer Schwangerschaft, ihrer Angst davor, sie preiszugeben, erfährt und merkt niemand etwas – nicht einmal ihr Freund, der auch der Kindesvater ist. Bei ihrer Verhaftung am Montag um 6.25 Uhr „hat sie versucht, Fassung und Haltung zu bewahren“, so Volker Wichitill. Ebenso erschütternd bleibt der beschriebene Tathergang im Gedächtnis. Die Täterin Denise V. hatte gestanden, das Baby nach der Geburt umgebracht, in einen Schminkkoffer gelegt und zwei Tage später auf einem Feldweg nahe Mergendorf abgelegt zu haben. Im Zuge der Ermittlungen nennt sie dann weitere Details. Sie räumt ein, den Kopf des Neugeborenen mit den Händen gedrückt zu haben.
 
Chefermittler Volker Wichitill muss auch heute – acht Jahre später - nur kurz überlegen, ehe er sagt: „Wir müssen Emotionen und Ermittlungen sehr säuberlich trennen.“ Was im Klartext heißt: Emotionen müssen bei den Ermittlern komplett draußen bleiben. Denn sie haben den komplizierten Auftrag, sowohl be- als auch entlastende Momente einer jeden Tat zu finden und sich so der Wahrheit soweit wie möglich anzunähern. Da sei eine „professionelle Distanz“ unabdinglich, so Volker Wichitill.
 
Bei der Aufklärung der Kindstötung von Riesa gingen die Spezialisten auf mehreren Ebenen zu Werke. Da war zum einen eine sehr massive Arbeit in und mit den Medien. Möglichst viele Hinweise aus der Bevölkerung sollten gesammelt werden. Wem ist eine junge Frau aufgefallen, bei der plötzliche körperliche Veränderungen sichtbar sind? Wem sind verdächtige Personen oder Fahrzeuge im Bereich Mergendorf aufgefallen? Wer kann Angaben zum Beauty-Case machen? Der entscheidende Hinweis kam jedoch dank einer damals für die Öffentlichkeit noch nicht so geläufigen Praxis. Denn auf die Spur gekommen war man Denise V. nach der Auswertung von DNA-Spuren, die unmittelbar nach dem Leichenfund bei 158 Personen
entnommen wurden. Es habe eine einzige Übereinstimmung der Vergleichmaterialien gegeben, die die Frau zweifelsfrei als Täter ausweisen, teilte Volker Wichitill damals mit. Neben den DNA-Tests seien 355 Personen, vor allem aus dem Mergendorfer Umfeld, befragt worden. Presse, Funk und Fernsehen wurden eingeschaltet. 20 konkreten Hinweisen mit bis zu 80 Einsatzkräften wurde nachgegangen. Einer davon führte letztlich zur Vorentscheidung. Eine junge Frau sei plötzlich merklich kräftiger geworden, so der Tipp. Das führte zum DNA-Test, der die Frau letztlich verriet.
 
Was folgte, waren Vernehmungen, Anklage, wieder Vernehmungen, angekündigter Prozessbeginn, verschobener Prozess wegen der Dresdner Kofferbombe – schließlich ein Urteil, das unter den Erwartungen vieler blieb. Ob Mord oder Totschlag – die Debatten halten sich bei solch einem Fall lange. Letztlich ist der Säuglingstod von Riesa ad acta gelegt. Aber nicht vergessen. Denn es waren besonders emotionale Tage im Herbst 2003.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa, Großenhian, Meißen und Radebeul am 1. Oktober 2011)

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