Die Streit-Schlichterin

Margitta Scholz ist seit 15 Monaten Friedensrichterin für die Gemeinden östlich von Großenhain. Wobei die Bezeichnung eigentlich irreführend ist.

Von Thomas Riemer

Es sollen harte Worte gefallen sein an jenem 28. April des vergangenen Jahres. „Du Drecksau, Du Wichser, Du Verbrecher.“ Ein Rentner fühlte sich von derlei Schmähungen seiner Nachbarn beleidigt. Die aber ließen das nicht auf sich sitzen und zogen wegen falscher Verdächtigung gegen den Senior vor Gericht. Der legte dort noch eine Schippe drauf, schimpfte wie ein Rohrspatz. 15 Jahre lang gebe es schon Zoff mit den Nachbarn, die würden ihn und seine Frau regelmäßig beschimpfen... Was er dem Gericht freilich nicht sagte: Seine „Hassflüche“ sind offenbar Dauerzustand im Dorf. Deshalb wollen die Umliegenden möglichst ihre Ruhe vor dem Mann haben.

Meist Bagatell-Streitigkeiten

Margitta Scholz bleiben derartige Dinge natürlich nicht verborgen. Sie ist Friedensrichterin für die Region Lampertswalde, Schönfeld, Thiendorf und Tauscha. Wobei, da ist sie sich im klaren, der Begriff irreführend ist. „Ich bin keine Richterin, sondern Schlichterin“, sagt die 59-jährige Kraußnitzerin. Fälle wie der oben geschilderte landen deshalb nicht auf ihrem Tisch, sondern beim Amtsgericht. Wenn es so weit dagegen nicht kommt, dann ist das möglicherweise auch ein Verdienst der Friedensrichterin. Allerdings sagt sie sofort: „Die Leute bei uns sind nicht streitsüchtig.“ Wohl auch deshalb hat sie als Schlichterin in den rund 15 Monaten seit Amtsantritt gerade einmal zwei „richtige“ Fälle auf dem Tisch gehabt. Böse ist Margitta Scholz darüber selbstverständlich nicht. Denn in der Regel sind es Bagatell-Streitigkeiten, die zu einer Schlichtungsverhandlung führen – oder auch nicht. „Man muss nicht jeden Nachbarn lieben. Aber für ein ,Guten Tag‘ sollte es doch wohl reichen“, sagt Margitta Scholz. Sicher könne es mal Unstimmigkeiten geben wegen eines überhängenden Astes oder der Frage, wohin das Regenwasser geleitet werden muss oder darf. „Aber darüber sollte man miteinander reden – das ist das Ah und Oh“, beschreibt die Friedensrichterin ihr Credo.
In jenen Gemeinden, die Margitta Scholz betreut, scheint dies die Regel zu sein. Bei ihren regelmäßigen Sprechtagen aller zwei Wochen stehen daher vor allem Anfragen auf dem Plan, um dem Gang vor den Friedensrichter eher zu verhindern. „Die Leute suchen nach einer unverbindlichen Rechtsauskunft“, so Margitta Scholz. Ob es tatsächlich zu einem Schlichtungsverfahren kommt, sei da überhaupt noch nicht absehbar. Wenn doch, gelten jedoch ziemlich knallharte Regeln. Wenn nämlich eine der beiden zerstrittenen Parteien einen Antrag auf ein Schlichtungsverfahren stellt, muss die andere zwangsläufig zum Termin erscheinen. „Ansonsten droht eine Ordnungsstrafe“, so Margitta Scholz. Erst jüngst habe sie solch einen Fall gehabt, dass eine Partei nicht erschien, die Strafe quasi in Kauf nahm – und nun wird man sich wohl vor Gericht treffen.
Die Kraußnitzerin hat dafür vergleichsweise wenig Verständnis. Denn meist handele es sich eben um Bagatellverfahren, „die vor Gericht nur unnötig Zeit und Geld kosten. Die Gerichte sollen die Fälle klären, für die sie eigentlich gedacht sind.“
Und sie führt einen weiteren Aspekt an. „Ich will Wege für die Zukunft von Nachbarn aufzeigen“, sagt sie. Denn schließlich müsse man ja in der Regel eine lange Zeit, oft sogar ein ganzes Leben lang mit- bzw. nebeneinander auskommen. Und da sei ein Schlichterspruch – wenn es überhaupt soweit kommen muss – immer noch die beste Variante. Zudem sei er für alle beteiligten Parteien bindend.

Frau mit Helfer-Syndrom

Margitta Scholz hat sich, als das Amt eines Friedensrichters ausgeschrieben wurde, ohne Zögern beworben. „Ich habe ein Helfer-Syndrom“, begründet die frühere Sparkassen-Angestellte. Und sie sagt auch: „Ich bereue es nicht, denn man wird dabei nicht dümmer.“
Fälle wie der eingangs geschilderte wird sie hoffentlich trotzdem nicht auf den Tisch bekommen. Er endete übrigens für den ewig schimpfenden Rentner recht kostenintensiv. Richter und Staatsanwalt befanden, dass es die Schmähungen gegen den Mann nicht gab – und verurteilten ihn wegen falscher Verdächtigungen zu reichlich 1200 Euro Geldstrafe.

(Sächsische Zeitung Großenhain, Juli 2012)

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