Sportverrückte Riesaer huldigten in Berlin Turnvater Jahn

Mit einer deutschlandweit einmaligen Aktion hat der Riesaer Riese mit ein paar Unermüdlichen am Sonntag an die Eröffnung des 1. Turnplatzes in der Hasenheide auf den Tag genau vor 200 Jahren erinnert.
 
Von Thomas Riemer
 
Konzentriert knattert der achtjährige Jan Pollmar mit seiner „Pit Bike Monster“ mit 125 Kubikzentimeter Hubraum über das Pflaster vor dem Jahndenkmal in der Berliner Hasenheide im Stadtteil Neukölln. Roland Opel, Chef des Riesaer Motorsportclubs, mahnt kurz. „Einen Gang hoch, sonst wird es zu laut.“ Immer wieder stoppen Schaulustige kurz auf ihrem Weg durchs Grün und staunen. „Sie dürfen hier nicht solchen Lärm machen“, sagt einer. Roland Opel beruhigt. „Fernsehaufnahmen“, sagt er kurz. Das ist zwar eine Notlüge, aber sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Fernsehen zieht immer. Jan darf weiter knattern.
 
Rund 20 Riesaer sorgten am Sontag zur besten Kaffeezeit an historischer Stätte für einen drehbuchreifen Auftritt der Sportstadt. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, den 200. Jahrestag der Gründung des 1. Turnplatzes in Deutschland auf ihre Art zu feiern. Während die „Offiziellen“ aus Politik und Wirtschaft tags zuvor daran erinnerten, hatten die Riesaer bewusst den 19. Juni dafür auserkoren. „Wir können nachweisen, dass dies der tatsächliche Geburtstag des ersten Turnplatzes ist“, so Gunter Spies, Darsteller des Stadtmaskottchens Riesaer Riese. Dass auch die große Mehrheit der „Turnprominenz“ dies letztlich bestätigt hat, macht ihn glücklich. Und für diesen Zweck ist Gunter Spies dann auch mit berechtigtem Stolz im Riesenkostüm vor das Denkmal des Turnvaters hinaufgestiegen, hat sein Sportstadt-Schild vor dem übermannsgroßen Monument gezeigt und eine Erinnerungsschleife an einen Eichenzweig gebunden.
 
Akribisch hatten sich die Berlin-Fahrer auf diesen Tag vorbereitet. Sie orderten bei Sponsoren der Region drei Kleinbusse. Noch vor der Abfahrt in der Elbestadt wurden Riesaer Nudeln, die die Teigwarenfabrik zur Verfügung stellte, samt leckerer Soße gekocht und verladen. Zum „Gepäck“ gehörten gleichermaßen der Nudel-Riese und Mädchen des Sportaerobic-Teams des ESV Lok Riesa um ihren rührigen Chef Rainer Fleck. Sie wirbelten mit kurzen Showdarbietungen temperamentvoll über den Platz in der Hasenheide – und trotz Improvisation wirkte auch das wie fürs Fernsehen gemacht. Daran änderte auch ein kurzer ergiebiger Gewitterguss nichts. Jogger, Radfahrer, Obdachlose – wer zufällig vorbeikam, wunderte sich erst, klatschte dann anerkennend Beifall, und auf Wunsch gab’s dafür einen Teller Riesaer Nudeln…
 
„Klar wäre es schöner gewesen, wenn wir nicht nur 20, sondern 200 Leute aus Riesa gewesen wären“, sagt Gunter Spies. Aber so oder so haben er und seine Mitstreiter gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum Beispiel: Die Sportstadt Riesa hat sich am richtigen Tag in der Hasenheide verewigt – und das mit einer deutschlandweit einmaligen Aktion. Neben dem „Fernseh- und Fototermin“ am Jahndenkmal gehörte auch ein Kurzbesuch an der Jahneiche dazu – dort trafen sich genau 200 Jahre vorher Turnvater Jahn und ein paar Gymnasiasten erstmals zu öffentlichen Leibesübungen.
 
Auf dem ein Kilometer langen Fußweg dahin lernten die Riesaer dann auch die andere Seite der Hasenheide kennen. Zwischen hunderten Sonntagsspaziergängern und Läufern kampieren auf den Wiesen Obdachlose, Jugendgruppen, Menschen vom Rand der Gesellschaft. Müll auf dem Grün lässt erahnen, was sich hier tagtäglich abspielt. Für eine umfangreiche Instandhaltung des Parks fehlt dem offiziellen Berlin offenbar das Geld. Für die „falsche“ Feier am Jahndenkmal war wenigstens genug übrig, um das Areal rein äußerlich feierwürdig zu präsentieren. Ansonsten fanden die Riesaer dort keinen Hinweis auf das Jubiläum außer verkohlten Stoffresten und leeren Flaschen. Und eben jenen Eichenzweig, mit Draht am Geländer vor dem wachenden Turnvater befestigt. Gut möglich, dass der Präsident der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft Hans-Georg Kling diesen Ast für die Riesaer Erinnerungsschleife reserviert hat. „Ich hatte ihn gebeten, für uns ein Zeichen oder eine Nachricht zu hinterlassen“, so Gunter Spies. Offenbar wurde das erhört. Für den Riesaer Riesen und das Häuflein Sportverrückter von der Elbe ist das eine Genugtuung, die keine Fernsehaufnahme jemals wiedergeben kann. „Was uns von anderen Städten in punkto Sport unterschieden hat, ist, dass wir dieses Gefühl auch mit Leben erfüllt haben, weil wir es uns in der Vergangenheit geleistet haben“, sagt Spies. Aber alles habe seinen Preis – und ohne Mos nix los. „Aus dieser einfachen Erkenntnis heraus werde ich den begonnenen Wandel in Riesa begleiten und bei der Neuausrichtung behilflich sein, so gut ich kann.“ Sport bleibe für ihn dabei eine der wichtigsten Säulen. „Und wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse es eines Tages zulassen, bin ich der Erste, der das Sportstadt-Schild wieder hervorholt“, so Gunter Spies.
 
 
Dieser Beitrag entstand am 19. Juni 2011 und erschien in teilweise gekürzten Versionen in unterschiedlichen Medien.
  
 
 
 

 

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