Blitzer – Fluch oder Segen?
Vergangene Woche gab´s ungewöhnlich viele Blitzer rund um Großenhain. Autofahrer beklagen Geldschneiderei. Das Rathaus verteidigt die Kontrollen vor allem im Külz-Viertel.
 

Von Thomas Riemer

 

   
 
Pauline Starke bibbert. Nicht vor Kälte. Seit Donnerstag hat die 46-Jährige vielmehr Angst um ihren geliebten Führerschein. Auf dem Nachhauseweg in Richtung Auer passierte das Unglück. In Höhe des Umspannwerks war Pauline Starke offenbar gedanklich schon beim Feierabend, als es am Straßenrand blitzte. Tempo 50 ist hier vorgeschrieben, die Sünderin hat nach eigener Erinnerung bis zu 80 Kilometer je Stunde drauf. Das würde bedeuten: Punkte in Flensburg, Bußgeld bis über 100 Euro sowie vier Wochen Fahrverbot. „So eine Geldschneiderei“, sagt die Rand-Großenhainerin – und ist ziemlich erbost. Denn in die Blitzer-Falle ist sie an einer Stelle getappt, „an der jeder froh ist, dass er endlich Gas geben kann“.

Nur Jagd nach Geld?

Es war nicht der einzige Blitzer, den die Großenhainer in der vergangenen Woche fürchten mussten. „In Großraschütz wird geblitzt“, so die Meldung am Mittwoch früh auf der Internetplattform Facebook. Dort hatten die Kontrolleure die Messanlage neben ihrem parkenden Auto auf der Riesaer Straße stadtauswärts versteckt und sich selbst im Wagen verschanzt. Und tags darauf beklagten gleich mehrere Motorisierte, dass die „Häscher“ mal wieder im Dr.-Külz-Viertel auf die „Jagd nach dem Geld“ gehen, um das Stadtsäckel zu füllen.
Derlei Vorwürfe hören die Kommunen, aber natürlich auch die Polizei, natürlich nicht gern. Letztlich, so wird betont, gehe es stets um die Verkehrssicherheit. „Kontrollen des fließenden Verkehrs, die die Stadt Großenhain seit 2010 durchführt, fokussieren sich auf nachgewiesene Unfallschwerpunkte, bekannte ,Raserstellen‘ sowie Gefahrenpunkte insbesondere für Kinder“, so Großenhains Rathaussprecherin Diana Schulze. Außerdem erhalte die Stadtverwaltung regelmäßig Hinweise von Bürgern auf potenzielle Gefahrenstellen, „denen wir nachgehen“.
Genau diesen Kriterien entspreche demzufolge der Bereich Dr.-Külz-Straße in der Großen Kreisstadt. Hier wohnen nicht nur vergleichsweise viele Menschen, im Umfeld befinden sich zusätzlich mehrere Kindereinrichtungen, zwei Schulen, verbunden mit zahlreichen Radfahrern und Schulwegen. Nicht erst, seit die direkte Zufahrt zur neuen Umgehungsstraße durch das Gebiet erfolgt, genießt es die besondere Aufmerksamkeit der Ordnungshüter. „Die Erfahrung zeigt, dass bisher alle Messungen berechtigt durchgeführt wurden“, so Diana Schulze. „Denn immer wieder werden hier Geschwindigkeitsübertretungen festgestellt.“ So auch bei der jüngsten Blitzaktion am Donnerstag.
Es kommt eine pikante Ausgangslage hinzu. Die 30er Zone, die vor geraumer Zeit eingerichtet wurde, kam vor allem auf Initiative der Elternschaft zustande. Sie hatte nach der Neustrukturierung des Areals unter anderem mit dem Kinderboulevard sogar eine Unterschriftensammlung initiiert. Diana Schulze verteidigt folgerichtig die häufigen Geschwindigkeitskontrollen. „Die Stadt sieht sich hier in der Verantwortung, die Einhaltung der Begrenzung zu kontrollieren“, sagt sie.
Zahlen geben die Behörden allerdings üblicherweise zu Einzelaktionen nicht heraus. In den kommunalen Haushalten indes sind Einnahmen unter anderem aus Bußgeldern zu Verkehrsdelikten stets eingeplant. Rund 60000 Euro nahm Großenhain tatsächlich im vergangenen Jahr ein.

Technik ist nur gemietet

Das bringt sowohl „Erwischte“ als auch „Noch-einmal-davon-Gekommene“ teilweise in Rage. Ebenso die Tatsache, dass die Fahrzeuge, aus denen geblitzt wird, in Großenhain meist mit fremden Kennzeichen – dieser Tage aus Baden-Württemberg – unterwegs sind.
Hintergrund ist aber, dass die Stadt Großenhain die Technik lediglich für ein paar Tage im Jahr mietet. Damit geht ein großer Teil der eingenommenen Gelder auch wieder für Miete, Personal, Blitzer und Computertechnik drauf. Im Stadtsäckel bleibt nur ein Bruchteil hängen, heißt es.
Pauline Starke wird das wenig beruhigen. Die Sorge um die Folgen ihrer Blitzaktion ist größer. Denn letztlich ist sie täglich aufs Auto angewiesen. Deshalb kann sie jetzt nur auf ein „falsches Gefühl“ oder die Messgerät-Toleranz hoffen.

 

Kommentiert:

Blitzen gegen
blinde Raserei

 
Von Thomas Riemer

 

   
 

Es gibt kaum ein Thema, das die Großenhainer regelmäßig mehr spaltet als die leidige Blitzerei. Und man darf sich natürlich auch trefflich streiten, ob jedes Regularium für Tempokontrollen auch wirklich berechtigt ist. Muss auf einer neuen Umgehungsstraße ein 70er Schild stehen? Sollte vor allen Kindereinrichtungen Tempo 30 gelten? Warum werden auf der Riesaer Straße 50 Sachen vorgeschrieben? Macht das Sinn?
Ja, meistens hat das Sinn. Und vor allem: Über die Geldbuße im Nachhinein zu diskutieren, ist sinnlos. Die „Weisheit“, dass Gesetze dafür da sind, um gegen sie zu verstoßen, stimmt für diesen Fall nicht. Wohin blinde Raserei führt, bekommen wir jeden Tag durch die Medien brühwarm präsentiert.
Über einen Kratzer am Auto lachen die meisten dann noch. Spätestens beim verletzten Kind nicht mehr. Aber dann ist es zu spät. Da nützt es dann auch nichts, die vermeintliche Geldschneiderei der Behörden ins Spiel zu bringen.
Den ewigen Diskutanten sei vielmehr gesagt, dass gerade an ihnen die Notwendigkeit eines Erziehungsfaktors nachweisbar ist. Am Straßenverkehr teilzunehmen – das bedeutet nämlich auch, dafür reif zu sein. Und da ist es manchmal besser, nicht blitzartig zu fahren und zu schimpfen, sondern (blitz)artig Buße zu tun. Letztlich offenbart doch jede Wut der Betroffenen nur eins: Den Ärger über sich selbst, „erwischt“ worden zu sein.

 

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