Man muss nicht jedes Urteil verstehen
 


Vor Gericht sind alle gleich. Sagt man. Doch die Praxis zeigt: Jeder Fall ist anders. Viel Tragisches ist dabei, aber auch Kurioses.


 

Von Thomas Riemer
 
   
 

Diebe, Lügner, Zechpreller, Schläger, Drogensüchtige, Alkoholsünder, Sexverbrecher, Randalierer, Stalker, streitsüchtige Nachbarn, Verkehrsrowdys... Lang ist die Liste der Angeklagten, die in diesem Jahr vor dem Riesaer Amtsgericht standen. Mal mehr, mal weniger, mal gar nicht schuldig. Und Beobachter meinen immer wieder, dass man nicht jedes Urteil verstehen, sondern lediglich akzeptieren muss.

Wie aus dem Täter plötzlich ein Opfer wird

Mit 2,46 Promille im Blut baute ein 30-Jähriger im Sommer 2011 nahe Meißen einen Unfall. Vor dem Richter allerdings stand er, weil er vorher beim VW-Alarm auf dem Großenhainer Flugplatz einem drei Jahre jüngeren Mann einen Fausthieb versetzte. Glück für den Geschädigten: Weder er noch sein Gegenüber waren nüchtern. Im Gegenteil: Im Suff schlugen offenbar viele Leute gleich noch mit. Der Angeklagte fühlte sich bedroht – und flüchtete im Auto. An einer Mauer war Schluss. Ein Gerichtsmediziner zeigte Verständnis. Der junge Mann war in „hochgradiger Erregungssituation“, weil man ihn „so malträtiert“ hatte. Das Urteil fiel milde aus: 2700 Euro Geldstrafe, drei Monate Fahrerlaubnisentzug. Das Gericht verzieh dem Mann sogar, dass er zum Verhandlungszeitpunkt noch in der Bewährungszeit war. Was dem VW-Fan jedoch weh tun dürfte: Er muss zur medizinisch-psychologischen Untersuchung – zu deutsch: Idiotentest.

Wenn jähzornige Rentner mit dem Feuer spielen

„Du Drecksau. Du Verbrecher. Du Wichser.“ Harte Worte fielen bei einem Streit unter Nachbarn in Weißig am Raschütz, der im Mai verhandelt wurde. Ein Rentner will diese Hassflüche vernommen haben, als seine Nachbarn im gegenüberliegenden Grundstück ein Maifeuer entzündeten. Die wiederum haben den Mann wegen falscher Verdächtigung angezeigt. Der vergreift sich auch im Gerichtssaal im Ton. Richter Mischa Hecker schafft es zwar, ihn zu bändigen. Der Staatsanwalt aber ist sauer, glaubt dem Angeklagten kein Wort. „Die Krönung ist, wenn wir uns mit Sachen befassen müssen, die überhaupt nicht stattgefunden haben“, sagt er. Der jähzornige Rentner muss reichlich 1200 Euro Strafe zahlen – und kündigt noch im Saal an, dass der Zoff weitergehen wird.

Wenn der Angeklagte einfach zu Hause bleibt

Ulf S. hatte im Juni einen Gerichtstermin. „Gefährliche Körperverletzung“ lautete die Anklage gegen den Rand-Großenhainer. Und als die Verhandlung beginnen sollte, harrten neben dem Richter, dem Staatsanwalt sowie dem Journalisten zwei Dutzend Gymnasiasten aus Riesa auf den Besucherstühlen. Vergeblich. Die Anklagebank blieb leer. „Er hat das gestern über seine Verteidigerin angekündigt“, sagte Richter Mischa Hecker erklärend. Was er dann tat, nennt man wohl „kurzen Prozess“: Er verhängte eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 40 Euro gegen Ulf S. Basta, Deckel drauf.

Als die Staatsanwältin eine Falschaussage vermutete

Vor Gericht stand eigentlich der Vater. Für Aufsehen sorgte der Sohn. Der war zwar im Spätsommer nur als Zeuge geladen. Doch die Staatsanwältin glaubte seiner Aussage nicht so ganz. „Dann müssen Sie eben ein Verfahren gegen mich einleiten. Das geht mir am Arsch vorbei“, entgegnete Sohnemann aufgebracht. Die Aufregung war übrigens umsonst: Sein Vater verließ den Gerichtssaal als freier Mann. Gegen Zahlung von 3000 Euro an eine Großenhainer Einrichtung wurde das Verfahren mangels Beweise eingestellt.

Wenn Vaters Geburtstag im Alkoholrausch endet

„Ich habe mein ganzes Leben getrunken und dabei mein Kleinhirn weggesoffen“, sagte ein 46-jähriger Großenhainer bei seiner Verhandlung im Mai. Es sollte lustig wirken, tat es aber nicht. Mit 2,31 Promille hatten ihn Polizisten nach dem Geburtstag seines Vaters Fahrradfahrend erwischt. Und das, obwohl er nach eigenen Angaben vorher zu einer Entgiftung und seit drei Jahren trocken war. Dagegen spricht freilich, dass er beim Geburtstag eine Flasche Schnaps und viel Kaffee trank. Und das mit der Abstinenz, naja. „Ein Bierchen ist doch kein Alkohol“, so das Credo des Angeklagten. Genutzt hat ihm das alles nichts. Weil er Wiederholungstäter ist, steht er jetzt unter den Fittichen eines Bewährungshelfers, muss gemeinnützige Arbeit leisten und zur Langzeittherapie antreten.

Wenn der Delinquent sturzbetrunken ist

Kommt er, oder kommt er nicht? In diesem Fall kam der Angeklagte im November zwar zur Verhandlung. Ob er auch geistig anwesend war? Denn: Er war sturzbetrunken, wie so oft. Verurteilt wurde er, weil er in einem Supermarkt Zigarillos klaute. Wert: 2,20 Euro. An die Sorte konnte er sich nicht erinnern. Das wundert nicht. „Ich bin Alkoholiker“, gab der Delinquent zu. Zehn bis 15 Bier trinke er pro Tag. „Wenn ich gut drauf bin, brauche ich einen Kasten.“ Dass er nichts gegen seine Sucht tat, liege an seinem Hund, erzählte er dem Gericht. Das Tier ist seit einem Jahr tot. Zeit für einen Entzug? Vorher muss der Mann die Strafe für den Zigarillo-Klau begleichen: 1200 Euro.

Wenn Verdachtsmomente nicht zur Verurteilung ausreichen

Nicht um sieben Fässer Wein, sondern nur um sieben Flaschen des köstlichen Getränks ging es bei einem Prozess im Frühjahr. Oder doch nur um einen Nachbarschaftsstreit in Lampertswalde? Nun gut, Freunde waren der Angeklagte und die Klägerin nicht, und sie werden es in diesem Leben wohl auch nicht mehr werden. Der Mann soll über eine Trennwand gegriffen haben, um den Wein aus dem benachbarten Keller zu klauen. Er weiß von nichts. Zwar wurden später zwei leere Flaschen in einem Müllsack gefunden. Aber was besagt das schon? Zum Müllplatz des Grundstücks kann schließlich jeder gelangen, der es will. „Ich war völlig baff, als die Polizei vor meiner Tür stand“, so der Angeklagte. Die Klägerin wiederum stellt fest, dass der Mann durchaus körperlich geeignet ist, über die Trennwand zu greifen. Als Verdachtsmoment reicht das freilich nicht für eine Verurteilung. Der Mann wird freigesprochen. Seine Nachbarin würdigt er keines Blickes. Alles hat irgendwie einen Beigeschmack – nämlich den von der Geschichte um den Maschendrahtzaun.

 

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