Das Tigerauge jubelt

 

Das Tigerauge jubelt

Kerstin Thiele lernte in Riesa das Judo-Einmaleins. Jetzt holte sie Olympia-Silber. Ein Gohliser Trainer entdeckte sie vor 17 Jahren. Er hofft insgeheim auf ein Wiedersehen nach den Spielen.

Von Thomas Riemer

Geboren 1986 in Riesa. Sportart: Judo. Verein: JC Leipzig e.V. Sportliche Erfolge: unter anderem Europameisterschafts-Dritte und -Zweite vor vier bzw. drei Jahren.
Er liest sich einfach und bescheiden – der „Steckbrief“ der Kerstin Thiele. Jetzt muss er um die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London ergänzt werden. Es ist die erste, möglicherweise auch einzige Medaille, die Sportler aus Riesa von den Spielen mitbringen. „Bei mir ist ein bissel wie Fasching im Kopf“, beschreibt Kerstin Thieles „Entdecker“ Roy Paweck seine Gefühle.

Spitzname im Trainingslager

1995 war es, als Paweck und die damaligen Mitstreiter der Judo-Abteilung des SC Riesa auf Nachwuchssuche gingen. In Schulen wurden Zettel verteilt – und die heute 25-jährige Kerstin gehörte zu jenen, die aus Neugier in die Halle zum Training kamen. „Kerstin war eine von vielen. Aber sie hat schon damals ein überdurchschnittliches Aufnahmevermögen gehabt“, sagt Roy Paweck. Keine Musterschülerin, aber „sehr ehrgeizig“ sei sie gewesen. „Sie hat beim Training alles aufgesaugt wie ein Schwamm“, so Paweck. Deshalb seien die Erfolge auf zunächst regionaler und mitteldeutscher Ebene logisch und die Delegierung zur Sportschule nach Leipzig folgerichtig gewesen, sagt Paweck, selbst früher begnadeter Judoka. Noch zu Riesaer Zeiten brachte er Kerstin Thiele mit Trainern zusammen, von denen er sich einst wichtige Techniken abgeschaut hat. Und mental griff Paweck zu einem „Kunstgriff“, dem die heutige Spitzenathletin ihren Spitznamen „Tigerauge“ verdankt. Das war während eines Trainingslagers zwischen Weihnachten und Silvester. Da schauten die Sportler auch mal gemeinsame Videos – unter anderem „Rocky – das Auge des Tigers“. „Diesen Blick brauchst Du“, habe er Kerstin Thiele immer wieder eingeschärft. Denn: Die damals Zwölfjährige war zwar ein liebenswertes Wesen, beim Wettkampf aber „manchmal ohne Biss“, wie es Roy Paweck beschreibt. Auch deshalb habe er sehr viele Wettkampfreisen zu großen Turnieren mit ihr unternommen, damit sie ein Gefühl für eben diesen „Biss“ entwickelt.
„Tigerauge“ wechselte 2000 nach Leipzig. Roy Paweck blieb in Riesa. „Der Kontakt ist seitdem sehr verhalten“, sagt er. Als Trainer mied er es, zu Kerstins Wettkämpfen zu fahren, um seinen Leipziger Kollegen nicht hineinzureden. „Ich habe die Kerstin immer aus der Ferne beobachtet, aber nie aus dem Blick verloren“, sagt der Gohliser. Es klingt emotional-bewegt und auch ein bisschen wehmütig. So komisch es auch klingen mag: Roy Paweck hat Kerstin Thiele nach der Delegierung nach Leipzig nie wieder live bei einem Kampf gesehen.
Auch die olympische Erfolgsgeschichte von London verfolgte er am Fernsehgerät. „Ich freue mich riesig für Kerstin“, schwärmt der Ex-Trainer. Denn allein schon die Teilnahme bei den Olympischen Spielen sei eine große Sache. Dass es dann sogar für eine Medaille reicht...

Hoffen auf ein Wiedersehen

Insgeheim hofft Roy Paweck, dass sich Kerstin Thiele vielleicht nach den Spielen mal bei ihm oder ehemaligen Riesaer Judokas meldet. „Ihr Erfolg ist ja auch ein Verdienst der früheren Trainingskameraden“, findet Roy Paweck. Dass Kerstin Thiele in einem der Siegerinterviews im ZDF nach der olympischen Siegerehrung die Erinnerung an den bewussten Zettel aus dem Jahr 1995 hervorkramte, spricht dafür, dass die frühere Riesaerin ihre Wurzeln höchstens verdrängt, nicht aber vergessen hat.
Roy Paweck selbst schaut derweil schon auf den nächsten Judoka in Leipzig mit Riesaer Ursprung: Hannes Conrad. Dem 20-Jährigen traut der Ex-Trainer nämlich zu, dass er mal Ole Bischof „beerbt“. Bischof ist Olympiazweiter von London, holte vor vier Jahren in Peking sogar Gold.

(Sächsische Zeitung Riesa, 6. August 2012)

Nach oben