Lass mich Dein Pirat sein
Benjamin Danneberg gibt der Piratenpartei jetzt auch in Großenhain einen Namen. Bislang war er bekennender Nichtwähler. Warum er sich jetzt trotzdem in die Politik wagt.
 
Von Thomas Riemer
 
Ob Sängerin Nena geahnt hat, dass ihr einst so populärer Song
irgendwann wieder derart aktuell wird? „Lass mich Dein Pirat sein“ –
Nena hatte zumindest sofort Millionen Fans. Davon träumt ein „echter“
Pirat wie Benjamin Danneberg freilich. Aber er ist der erste
Großenhainer, der sich jetzt öffentlich als Mitglied der Piratenpartei
„outet“. Knapp zwei Monate gehört er dazu. „Ich bin schon immer ein
politischer Mensch gewesen. Aber ich habe mich vorher nie von
irgendeiner Partei vertreten gefühlt“, sagt er. Und war deshalb bisher
ein überzeugter Nichtwähler. „Wenn ich die Wahl zwischen Pest und
Cholera habe, wähle ich die Kugel – und das ist auch keine
Alternative“, begründet er das.
Beim nächsten Urnengang wird Danneberg also seine Stimme abgeben. Weil
er am Stammtisch der Piratenpartei in Meißen Platz genommen und wohl
auch gefunden hat. Die Wahl im Saarland vor anderthalb Monaten ist
schuld an seinem „Sinneswandel“. Weil alle sagten, die Piraten haben
doch keine Ahnung, sah sich Benjamin Danneberg das Parteiprogramm an –
natürlich im Internet. „Ich habe mich darin sofort wiedergefunden“,
sagt er mit ruhigem Unterton.
Benjamin Danneberg hat trotz seiner erst 32 Jahre schon Erfahrungen
gesammelt. „Ich kenne das Leben ziemlich genau von der
Nicht-Sonnenseite“, sagt der Hartz-IV-Empfänger. Wohl auch deshalb habe
er einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Eine Pauschale für den Kauf
von Büchern und das Recht auf eine Tageszeitung würde er gern jedem
Haushalt einräumen. Denn von den jetzigen Hartz-Sätzen sei das nicht zu
bestreiten, weiß er aus eigener Erfahrung.
Doch das sind Wünsche. Die Realität für die Piraten heißt, gegen
Skepsis und Zweifel aus der Bürgerschaft anzugehen. „Die etablierten
Parteien unterscheiden sich nicht mehr großartig voneinander“, so
Danneberg. Und deshalb schwört er auf den anderen Weg der
Piratenpartei, Politik zu machen“.
Der wiederum klingt simpel. Benjamin Danneberg macht das am Beispiel
deutlich. Braucht Großenhain eine neue Umgehungsstraße oder eine neue
Kita? „Das muss der Bürger entscheiden dürfen“, antwortet Benjamin
Danneberg wie aus der Pistole geschossen. „Bürger müssen auch abseits
von Wahlen eine Stimme haben“, fügt der 32-Jährige nach kurzem
Nachdenken hinzu. Mehr Volks- und Bürgerentscheide, weniger
Entscheidungen auf Parlaments- und Verwaltungsebene also. Und:
Informationen für den Bürger auf kürzestem Weg. Transparenz ist das
„Zauberwort“. Die direkte Meinungseinholung innerhalb einer Diskussion
sei aber auch mit den Mitteln der heutigen Technik schwierig bis
unmöglich. Doch könne man theoretisch ein „Ohr an der Twitter-Timeline”
haben und so einzelne Reaktionen beobachten und sich quasi bestätigen
zu lassen. Denn die Meinungsbildung der Partei sei entweder schon
erfolgt oder befinde sich noch in Diskussion.
Bezüglich der Transparenz befürworte er auf kommunaler und Kreisebene
entsprechende Internetportale, die sämtliche Vorgänge innerhalb der
Kommune transparent darstellen und dem Leser schnell die benötigten
Infos bieten. Dazu sollte es regelmäßig öffentliche Informations- und
Diskussionsabende zur Ratsarbeit geben. „Das ist Demokratie. Wir wollen
nichts von hinten aufmischen“, sagt er dann.
Bundesweit hat die Piratenpartei klar Rückenwind – nicht erst seit den
Landtagswahlen in Schleswig-Holstein. Dort wie auch im Saarland und in
Berlin ist die Aussage eindeutig: keine Regierungsbeteiligung. „Das
kommt erst, wenn wir in unserem Lernprozess – was Parlamentsarbeit
angeht – weiter fortgeschritten sind, unabhängig von Prozentzahlen.
Darüber hinaus wird aber bereits Regierungsunterstützung angeboten –
siehe Schleswig-Holstein –, und es wird auch innerhalb der Partei rege
über Koalitionsverhandlungen und wie diese vonstatten gehen müssten,
diskutiert. A und O dabei ist die themenbezogene Sachpolitik. Nicht
Macht- und nicht Personenfragen”, so Benjamin Danneberg. Ja, es sei
natürlich ein Risiko, plötzlich Verantwortung übernehmen zu müssen.
Doch wirklich Angst davor habe er nicht. „Wir können in kürzester Zeit
Stellung zu Problemen beziehen“, sagt er mit Blick auf die
Netzstrukturen der Mitglieder und Sympathisanten. Und letztlich werden
sich daraus Gespräche mit anderen Parteien zwangsläufig ergeben –
„außer mit extremistischen Bewegungen“, so Benjamin Danneberg.
Noch gibt es im Elbtal keinen eigenen Kreisverband der Partei. 25 bis
30 Mitglieder zählen die Piraten. Die Region um Riesa ist komplett noch
ein „weißer Piraten-Fleck“. Coswig, Radebeul oder Niederau seien da
wesentlich besser besetzt. Den eigentlichen „Testlauf“ wollen die
Landkreis-Piraten mit einer großangelegten Informationsveranstaltung im
Landkreis für sich werben.
Benjamin Danneberg streicht sich über den Kopf, rückt die Brille
zurecht. Das Klischee vom Piraten erfüllt der zweifache Familienvater
nicht. Augenklappe passt nicht zu ihm, Piratentuch vielleicht. Beides
sucht man bei ihm vergeblich. Ja, bei Computer und Internet blitzen die
Augen kurz. Seine heimische Technik allerdings ist vergleichsweise
bescheiden. Ein „verhinderter Geschichtenschreiber“, sei er, sagt
Danneberg von sich selbst. Musik hört der Gründer und Hochmeister des
Online-Gaming-Vereins „Wächter der Weisheit e. V.“ nicht aus der
Konserve des www.
Nena gehört – vom Musikgeschmack her – übrigens nicht zu seinen
Favoriten. „Lass mich Dein Pirat sein“ – vielleicht wird es ja trotzdem
noch das Lieblingslied des Benjamin Danneberg.
 
(Sächsische Zeitung Großenhain, 12. Mai 2012)

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