Der traurige Blick auf Olympia

Ute Enger aus Großenhain ist Speedskaterin mit Leib und Seele. In diesem Jahr holte sie erst den Welt-, dann den Europameistertitel. Ein Start bei Olympia ist ihr trotzdem nicht vergönnt. Das ärgert die 48-Jährige - vor allem für den Nachwuchs.

Von Thomas Riemer

"Jetzt habe ich eigentlich alles erreicht." Sagt Ute Enger, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Im April ist die 48-jährige Großenhainerin Weltmeisterin in der Seniorenklasse der Damen über 40 Jahre geworden. Das war im Ostseebad Damp. Wenige Wochen später holte sie sich den Europameistertitel im französischen Dijon. Während es in Damp über die Marathonstrecke von reichlich 42 Kilometer ging, musste die Inline-Speedskaterin in Dijon "nur" über die halbe Distanz gehen.

Jetzt würde eigentlich Olympia winken. Doch bei den Spielen in London bleiben die Türen für die Speedskater zu. Andere Sportarten setzten sich durch. Golf etwa. Ute Enger macht aus ihrer Enttäuschung kein Geheimnis. "Ich finde es sehr schade, dass unsere Sportart nicht olympisch geworden ist", sagt sie. Weniger aus Eigennutz, wie sich herausstellt. Denn: "Besonders ärgert es mich für die Spitzenläufer in der Aktivenklasse und für unseren Nachwuchs. Für mich persönlich nicht so, denn ich weiß um mein Alter, und irgendwo sind Grenzen gesetzt", so Ute Enger. Sie habe schließlich EM- und WM-Titel in der Tasche, "und das ist das Größte für mich".

Großenhain, das kleine Städtchen, ist ihre Heimat. Hier begann ihre Karriere beim Rollschuhsport. Der hatte in der Röderstadt schon immer Tradition. Ute Enger versuchte es und blieb. Schon bald entdeckten Dresdner Sichtungstrainer das Mädchen. Als Achtklässlerin wechselte Ute zur Sportschule. Erfolgstrainer Rainer Mund wollte aus ihr einen Eisschnelllauf-Star machen. So einen, wie es Claudia Pechstein später war. Was Ute Enger und wohl auch ihr Umfeld unterschätzten: Sie hatte Heimweh. Nach einem Vierteljahr kehrte sie nach Großenhain zurück. Dort holte sie als Jugendliche DDR-Meistertitel. Doch Rollsport hatte keine Lobby im Arbeiter- und Bauern-Staat. Ute lernte Fachverkäuferin, gründete eine Familie. Auf Olympia wurden andere Athleten gedrillt.

Ute Enger blieb trotzdem treu. "Ich habe einen sehr großen Ehrgeiz, und wenn ich an Wettkämpfen teilnehme, weiß ich, dass ich dafür hart trainieren muss, um an der Spitze zu bleiben", sagt sie. Mit ihren 48 Lenzen gilt sie beim Großenhainer Rollsportverein als großes Vorbild. Wenn Ute Enger unterwegs ist, jubeln die Nachwuchshoffnungen ihr zu, feuern sie an. Elisabeth Baier etwa, das 13-jährige Mädel aus dem benachbarten Dörfchen Ebersbach. Sie hat das Zeug dazu, einmal in Utes Fußstapfen zu treten, ist vor zwei Wochen Deutsche Meisterin geworden. So wie Ute auch. Natürlich, möchte man fast hinzufügen.Denn deutschlandweit gilt sie als schwer zu schlagen. Das bekennen auch viele weit jüngere Kontrahentinnen.

Von allein kommt freilich nichts. "Die Konkurrenz schläft nicht", sagt Ute Enger. Deshalb trainiere sie sehr viel im Ausdauerbereich. Radtraining, Joggen, Spinning, so oft wie möglich auf Inlinern. Sechs Mal die Woche für ein bis zwei Stunden. Profi ist sie trotzdem nicht - ihr Brot verdient sie als Verkäuferin in einem Netto-Markt. Ein harter Job.

Denn leben kann die Athletin von "ihrem" Sport nicht. "Ich habe irgendwann aufgehört, die Pokale zu zählen", sagt sie schmunzelnd. So 140 bis 150 sind es inzwischen, schätzt sie. Preisgelder? "So etwas gibt es nur sehr, sehr selten", sagt Ute Enger. Es klingt nicht klagend, eher nachdenklich. Dabei wäre jeder kleine Zuschuss willkommen. Denn billig ist Inline-Speedskating wahrlich nicht. "Bei jeder Investition lege ich noch privat Geld drauf", beschreibt die Großenhainerin das Szenario. Sponsoren? Fehlanzeige! "Die  haben wenig Interesse an mir. Liegt wohl leider am Alter..."

Sie hat in diesem Jahr Claudia Pechstein zweimal fast bezwungen, ist jedesmal nur eine Schrittlänge hinter der Weltklassesportlerin geblieben. Nach mehr als 42 Kilometern. Was, DIE Pechstein? Die Welt- und Europameisterin im Eisschnelllauf, einstige Olympiasiegerin? Ja, genau. Beim Lausitzmarathon in Cottbus traf das ungleiche Duo aufeinander. Ute Enger erinnert sich daran, dass "die Claudia" eine sympathische Athletin ist, die beim Siegerinterview nicht vergaß, die Leistung der Konkurrentin zu loben. Gleiches passierte wenige Tage später beim Spreewaldmarathon. Doch mit der Pechstein will sich die Großenhainer Speedskaterin nicht auf eine Stufe stellen. "Da ist eben der große Unterschied. Eisschnelllauf ist olympisch, und sie ist die Profisportlerin. Inline-Speedsating leider nur die Randsportart", sagt Ute Enger. Dass sie sich beim Skaten mit der Olympiasiegerin auf fast gleichem Niveau bewege, "macht schon bischen nachdenklich". Neben der umstrittenen Top-Sportlerin auf dem Siegerpodest zu stehen - das freilich hat Ute Enger auch als unvergessliche und für sie sehr stolze Momente beschrieben. Wie die Tatsache, dass vor dem Wettkampf in Spreewald das Duell Enger gegen Pechstein als "große Revanche" für Cottbus deklariert wurde.

Ein Speedskater-Jahr ist lang, sehr lang. "Von März bis Oktober könnte ich jedes Wochenende irgendwo starten", beschreibt Ute Enger den Terminkalender. Und sie lässt möglich wenig aus. Als vor zwei Wochen die Deutschen Meisterschaften in Gera auf dem Programm standen, musste sie am ersten Wettkampftag arbeiten. Gewurmt hat es sie nicht, dass sie die Sprint-Distanz verpasste. "Kurze Strecken sind eh nicht mein Ding", flachst sie. Tags darauf ist sie ihren Großenhainer Vereinskollegen nach Gera gefolgt - und kehrte mit zwei Goldenen aus dem Thüringischen zurück.

Die "langen Kanten" sind ihr Metier - ohne Zweifel. Erst in diesem Frühjahr hat sie eine magische Marke unterboten. Den Marathon lief die Vorzeigesportlerin unter einer Stunde und zehn Minuten, bezwang in diesem Rennen das Gros der männlichen Starter. Noch eine Bestmarke also für Ute Enger. Es ist wohl "ihr" Jahr, dieses olympische 2012 ohne persönlichen Start bei den Spielen. Und die nächste Herausforderung steht an. "Ich stehe jetzt vor der Entscheidung, die 100 Kilometer beim Mitteldeutschen-Skating-Cup (MSC) zu skaten. Wenn nicht, ist mein Gesamtsiegieg beim MSC in Gefahr", erklärt sie.  Da ist er wieder - der unvergleichliche Ehrgeiz der 48-Jährigen.

Es ist eine Augenweide, ihr beim Laufen zuzuschauen. Hier mischen sich Kraft, Ausdauer und Ästhetik zu einem Stakkato voller Anmut. Ute Enger beherrscht längst alle Facetten eines Wettkampfes. Den Lauf von der Spitze weg liebt sie besonders, die kurzen, schnellen Antritte, mit denen sie die Konkurrenz mürbe macht. So wie bei der Europameisterschaft in Dijon, als Runde um Runde Läuferinnen den Kontakt zur Spitze aufgeben mussten. Ute gewann, gab Siegerinterviews - und verschwand wieder gen Deutschland. "Das hatte ich gar nicht so erwartet. Mir geht es sehr gut, ich bin gar nicht so kaputt", diktierte sie zwei Stunden nach dem Rennen in die Journalistenblöcke. Nach Schwerstarbeit über die Halbmarathon-Distanz.

48 ist Ute Enger. Sie hat alles erreicht, was sie sich erträumte. Außer Olympia. Denkt sie ans Aufhören? "Naja, ich entscheide das von Saison zu Saison, wie ich mich körperlich fühle", räumt sie ein. Aber so richtig ans Aufhören "habe ich noch nicht gedacht". Vielleicht fahre sie ja ihre Wettkampf-Intensität ein bisschen runter, sagt sie.

Auch um der Familie willen. Sicher, ihr Mann fährt zuweilen zu Wettkämpfen mit, wenn sie in der Nähe sind. Überhaupt haben Ehemann, Tochter und Sohn Verständnis, wenn Ute Enger zum Skaten unterwegs ist, freuen sich gleichermaßen über die Erfolge, mit denen so wenig Ruhm zu gewinnen ist. "Meine Familie steht da voll hinter mir, und dafür bin ich auch sehr dankbar", sagt Ute Enger.

(erschienen: "Sächsische Sportzeitung" - Ausgabe Juli 2012)

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