Hat der Flugplatz noch eine Chance?
 
 
Von Thomas Riemer
 
Die Umwandlung in ein Gewerbegebiet wäre das Aus für die Fliegerei in Großenhain. Im Landtag beschäftigt sich jetzt der Petitionsausschuss mit dem Thema.

Er könne sich "durchaus vorstellen, Dresden-Klotzsche den Rang abzulaufen". Wolfgang Utz, damals Chef der Nahverkehrs Großenhain und der hiesigen Mittelstandsvereinigung (MIT), sagte dies Ende Februar 1993. Bis heute gilt die legendäre Pressekonferenz in Radeburg als Geburtsstunde des zivilen Luftverkehrs am Großenhainer Flughafen nach der Wende.

Geht es nach den Plänen von Stadt und Freistaat, wird das Flugwesen in der Röderstadt in absehbarer Zeit zu Grabe getragen. Die Staatsregierung hat einen entsprechenden Vertrag über die Umwandlung des Areals in ein Industriegebiet offenbar bereits unterzeichnet.

Über 400 Unterschriften

Ob gewollt oder nicht: Unmittelbar nach Bekanntwerden eines gleichlautenden Stadtratsbeschlusses in der vergangenen Woche sorgte ausgerechnet Rainer Maus von der Landesdirektion Sachsen für Aufhorchen. "Großenhain ist der Ausweichflugplatz für den Fall, dass in Dresden mal etwas passiert", sagte der Projektchef der Katastrophenschutzübung am Sonnabend. Ein Satz, der Großenhains anwesenden Stadtbaudirektor Tilo Hönicke eigentlich hätte zusammen zucken lassen müssen. Immerhin gehörte der CDU-Politiker vor 19 Jahren zu den Befürwortern der zivilen Luftfahrt in seiner Heimatstadt.

Daran erinnert sich auch Walter Schell. Er war 1993 erster Flugleiter nach der Wende in Großenhain, gehörte zu den "Pionieren" und bedauert die aktuelle Entwicklung. "Das große Problem ist: Wenn der Flugplatz einmal zu ist, dann ist er unwiederbringlich weg", so Schell. 1994 habe sich der damalige Kreis Großenhain dafür stark gemacht, die Betriebserlaubnis zu erhalten. Die läuft nach SZ-Recherchen 2014 aus, weil eine sogenannte Betriebspflicht für 20 Jahre besteht. "Von heute auf morgen kann man den Platz also nicht schließen", ist sich Schell sicher.

Inzwischen ist der Verkehrslandeplatz auch Thema im Sächsischen Landtag. Eine von Holger Faulhaber, Chef der Flugplatz Großenhain Unternehmensgesellschaft, initiierte und dort eingereichte "Petition zum Erhalt des Flugplatzes Großenhain" werde nach Posteingang vom 5. September jetzt im Petitionsausschuss bearbeitet, heißt es in einem Antwortschreiben aus der Landtagsverwaltung. Mehr als 400 Unterzeichner fand die Petition im Vorfeld.

Darin wird darauf verwiesen, dass rund 30 Privatflieger "ihre Heimbasis verlieren". Hinzu käme das Aus des "Fliegenden Museums" mit weiteren 20 historischen Flugzeugen. Seit zwölf Jahren werde der Flugplatz ohne jegliche staatliche oder städtische Zuschüsse betrieben. Die Bemühungen, das Gelände in ein Industriegebiet umzuwandeln und den Flugplatz zu schließen, stoßen bei den Unterzeichnern zumindest auf Skepsis.

Im Petitionsausschuss kann eine Entscheidung jedoch auf sich warten lassen. Immerhin sollen dem Vernehmen nach Akten angefordert, Ortsbesichtigungen anberaumt, Anhörungen organisiert werden. Die Dauer des Petitionsverfahrens lasse sich allerdings "nicht vorhersehen". Ausgang offen.

Rückzug zu gegebener Zeit

Flugplatzbetreiber Wolfgang Bothur kann die Diskussion, die jetzt aufzukommen scheint, nicht wirklich nachvollziehen. "Ich als Betreiber habe von Anfang an gewusst, dass der Flugbetrieb auf Zeit betrieben wird", sagt er. Dazu gebe es klare Absprachen mit dem Großenhainer Rathaus sowie der Sächsischen Immobilien Verwaltungsgesellschaft (SIB). Letztere vertritt den Freistaat Sachsen bei dem Prozedere. Inhalt der Absprachen: Sobald ein Großinvestor für das künftige Industriegebiet in Sicht ist, "sind wir bereit, uns zurückzuziehen", so Wolfgang Bothur. Das sei unter den gegebenen Voraussetzungen die für die Region mit dem größten Nutzen verbundene Option.

Auch eine eingeschränkte Weiterführung des Flugbetriebs wird offenbar ins Kalkül gezogen. Notfalls könne die Betriebsfläche verringert werden, so Wolfgang Bothur. Eine Schließung von einem Tag zum anderen befürchtet allerdings niemand. Auch nicht die Landesdirektion. Sprecher Holm Felber zeigte sich am Rande der Katastrophenschutzübung am Sonnabend von den Entwicklungen zwar sichtlich überrascht. Für den Fall, dass Großenhain dann nicht mehr als Ausweich für Dresden zur Verfügung steht, gab er dann aber die diplomatische Antwort. "Es wird eine Lösung geben," so Felber. Auch das Sächsische Wirtschaftsministerium hielt sich gestern bedeckt, befragt nach seinen Plänen.

Walter Schell, der drei Jahre Flugleiter in der Röderstadt war, will das aktuelle Szenario zwar nicht mit den Geschehnissen in den 1990er Jahren vergleichen. Und doch kommt Wehmut auf. Schell, der heute in Schwäbisch Hall als Flugchef wirkt, hat bei den legendären Flugshows in den 90er Jahren mitgewirkt. Auch bei den Debatten um einen Dresden-Ersatz in Großenhain. "Der Flugplatz war damals auf gutem Weg", sagt Schell. Es habe seinerzeit Gespräche mit der Lufthansa gegeben, die sogar Geld für eine Nachtflugbeleuchtung in Aussicht stellte. Letztlich sei das Projekt "Großflugplatz" damals am Veto der Regierung Biedenkopf gescheitert. Was auch sein Gutes hatte: Mit dem Budget von 798 000 DM wurde "das technisch Notwendige gemacht".

Walter Schells Resümee fällt daher traurig aus. "Es ist um jeden Flugplatz schade, wenn er geschlossen wird", sagt er.

(Sächsische Zeitung Großenhain, 25. September 2012)
 

 

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