Läufer-Familie hält zur Stange

 

Die Läufer-Familie hält zur Stange
 
Nach zwei Jahren Zwangspause kommen wieder mehr als 100 Sportler zum Röderlauf. Schüler waren kaum darunter.

Von Thomas Riemer

 

  Lokales Großenhain
 
Entschlossen biegt Petra Kümmel auf die Zielkurve. 100 Meter sind es auf der Aschenbahn. Sportlehrerin Kathrin Prokupek feuert die Athletin an. Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Petra Kümmel. Dann ist es endlich geschafft. 20 Kilometer Crosslauf liegen hinter der Priestewitzerin. Hinter dem Zielstrich wartet Tochter Josephine. Die Zwölfjährige hat eine Stunde vorher mit Bruder Paul (10) die Fünf-Kilometer-Distanz bewältigt. Gleich im ersten Lauf nach einer Verletzung landet sie trotzdem auf dem Podest – als Dritte. Paul wird Zweiter, auch Mama Petra erklimmt das Treppchen. Nur das Familienoberhaupt Stephan Kümmel kann diesmal nicht da bei sein, beruflich bedingt.
Es ist die 36. Auflage des Großenhainer Röderlaufs. Zwei Jahre Zwangspause gab es. „Erst war der Tornado, danach der Stadtpark noch gesperrt“, blickt Ute Richter zurück. Die Abteilungsleiterin Leichtathletik beim SV Motor Großenhain freut sich, dass trotzdem mehr als 100 Läufer gekommen sind. Das war am frühen Morgen noch gar nicht abzusehen. Denn als eine Stunde vor dem Start die Helfer in den orange leuchtenden Westen zu ihren Streckenpositionen aufbrachen, waren sie noch deutlich in der Überzahl gemessen an den Sportlern.
Ein Wermutstropfen: Der Pokal des Großenhainer Oberbürgermeisters für die lauffreudigste Schule wird diesmal nicht vergeben. „Aus Versicherungsgründen“, heißt es dazu vom Veranstalter. Die Trophäe erhielt in der Vergangenheit jene Bildungseinrichtung, die die meisten Starter stellte. Doch eine reine „Schulveranstaltung“ darf der Röderlauf nicht sein. Hinzu kommen für viele Schüler lange Anfahrtwege, nachdem es weitere Eingemeindungen gegeben hat. „Ich glaube nicht, dass es so einen Lauf hier je wieder geben wird“, sagt Ute Richter deshalb. Dass die Nachwuchs-Altersklassen deshalb eher etwas „dünn“ besetzt sind, tut der guten Stimmung keinen Abbruch.
Denn da ist ja schließlich eine große Lauf-Familie – die Helferschar vom Zeitmessteam bis hin zum Verpfleger ausdrücklich eingeschlossen. Es gebe kaum etwas Schöneres, als sonntags nach einer arbeitsreichen Woche zu laufen „und dabei die Natur zu genießen“, sagt Gabriele Schietzel. Auch sie gehört zur Priestewitzer Laufgruppe, hat die zehn Kilometer in weniger als einer Stunde absolviert und ist hochzufrieden. Ehemann Heiko hat die doppelte Distanz in Angriff genommen – nach etwas mehr als einer Stunde und 20 Minuten biegt er freudestrahlend auf die Zielgerade. „Die letzte Runde ging richtig gut“, sagt er. Zweimal pro Woche gehen Schietzels auf ihre Trainingsstrecken, wenn es die Zeit zulässt.
Viel Lob gibt es für die Veranstalter von Motor Großenhain. Während Moderatorin Kathrin Prokupek jeden Einzelnen lautstark und mit aufmunternden Worten auf die nächste Runde oder ins Ziel „treibt“, gibt es vor dem Sportlerheim an der Jahnkampfbahn leckeren selbst gebackenen Kuchen, Wasser, Tee oder Kaffee. Einstimmig wird es, wenn es um die Strecke geht: „Die ist einfach nur schön“, sagen die Läufer fast im Chor. Dabei dürften dem Laien die Meter zwischen Sportplatz, Mücke, Albertmühle, Pavillon, Bäckerwiesen als endlose Quälerei anmuten.
Nicht so den meisten Sportlern, die mit sichtbarer Freude am Laufen ihre Runden drehen. So auch Gerhard Rode, Großenhainer Feuerwehr-Urgestein und mit 79 Jahren diesmal der Älteste. „Dann dreh’n mer halt ein Ründli“, sagt er schelmisch. Und zeigt, dass er nach vielen Jahren Rennsteiglauf-Erfahrung noch „gut im Saft“ steht. Als er nach zehn Kilometern Lauf seine Siegerurkunde wegpackt, schwingt er sich aufs Fahrrad und fährt nach Hause. Reisebüro-Inhaber Steffen Rafelt wiederum gibt zu, dass es ein schweres Rennen war. „Wenn Sie im Ziel sind, wissen Sie, was Sie gemacht haben“, sagt er. Vor 13 Jahren entdeckte Rafelt seine Liebe zum Laufen. Inzwischen hat er sogar mehrmals am Berlin-Marathon teilgenommen. „Für’s Training fehlt leider oft die Zeit“, sagt der 50-Jährige mit einer Marathon-Bestzeit von unter dreieinhalb Stunden.
Petra Kümmel ist inzwischen eine Runde „ausgelaufen“, lockert mit leichter Gymnastik die Muskulatur auf. Schätzungsweise zwei Tage wird ihr das Rennen in den Knochen stecken, sagt sie und zeigt auf Oberschenkel und Rücken. Zufrieden ist sie mit ihrer Zeit von einer Stunde und rund 40 Minuten für den „langen Kanten“. Zumeist ist sie mit Ines Häusler gemeinsam gelaufen, erst kurz vor dem Ziel hängt sie die Konkurrentin und Freundin leicht ab. Dazu das schöne Laufwetter, die guten Wege. „So wünscht man sich jeden Lauf“, sagt Petra Kümmel. Knapp 30 Kilometer ist sie schon in einem Wettkampf gelaufen. Hat viele persönliche Erfolge eingefahren. An einen Marathon aber denkt sie nicht. Es wäre ein zu großer Aufwand, sagt sie. Und: „Es soll ja Spaß machen.“
Spricht’s und ist dann im Pulk der Läufer eingeschlossen. Triathlon, Rennsteiglauf, der nächste Wettkampf im Meißner Sparkassen-Cup sind die Themen – und der traditionelle Rollmopslauf im Großenhainer Stadtpark im Januar 2013. Spätestens dann sieht sich die Läufer-Familie wieder.

 

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