Rettung für die Absturzopfer
 
 
Von Thomas Riemer
 
Mehr als 500 Hilfskräfte proben auf dem Großenhainer Flugplatz den Ernstfall unter strengen Augen der Katastrophenstäbe.

Immer wieder beugt sich Anne Rostig über den Schwerverletzen vor ihr. "Herr Fischer, geht es Ihnen gut?" Der Angesprochene bejaht kurz, obwohl es ihm sichtlich schwerfällt. Gut eine Stunde zuvor ist er aus dem explodierten Airbus A 320 auf dem Großenhainer Flugplatz geschleudert worden. In Minutenschnelle sind Helfer aus ganz Sachsen vor Ort. Auch Anne Rostig. Die 21-Jährige gehört zum Deutschen Roten Kreuz aus Freital.

"Barbara 2012" - in Anlehnung an die Schutzpatronin der Feuerwehrleute und Helfer des THW - nennt sich die Katastrophenschutzübung, die am Sonnabend mehr als 500 Hilfskräfte aus dem Freistaat, zahlreiche Beobachter des Militär- und Zivilschutzes sowie aus Polen und Tschechien aufs Vorfeld der Großenhainer Landebahn zog. Das Katastrophenszenario: Ein Airbus mit 96 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern bricht bei einer Notlandung in zwei Teile auseinander, auch eine Tragfläche bricht ab, Kerosin läuft aus, der Flieger gerät in Brand.

Flugplatz war "vierte Wahl"

"Die Vorbereitung dieser Übung hat zwei Jahre gedauert", sagt der Leiter der Projektgruppe Rainer Maus von der Landesdirektion. Eine der schwierigsten Aufgaben im Vorfeld war, einen geeigneten Ort dafür zu finden. Großenhain war dabei offenbar nicht erste Wahl. Aber sowohl im "Alten Schlachthof" in Dresden, am alten Grenzübergang Altenberg als auch auf der A 17 fingen sich die Katastrophenschützer Absagen ein. Zu teuer, zu aufwendig, zu gefährlich - so die Begründungen.

Letztlich fiel die Wahl dann auf Großenhain - und das nicht zufällig. "Das ist der Ausweichflugplatz für den Fall, dass in Dresden mal etwas passiert", so Rainer Maus. Seit dem Winter wurde die Übung mit rund 650 Helfern sowie 100 "Verletzten" geplant. Letztere wurden in Dresden geworben, die Hilfskräfte kommen vorrangig aus der Landeshauptstadt sowie den Landkreisen Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Das Areal scheint ideal. Nach der Airbus-Notlandung beginnen Feuerwehrleute, von einem nahe gelegenen Teich bis zur Absturzstelle eine 1,4 Kilometer lange Wasser-Lösch-Straße zu errichten. Und während sich Sanitäter verschiedener Hilfsorganisationen, vom THW, Feuerwehrleute und Notärzte um die Erstversorgung der Opfer kümmern, bauen Katastrophenschützer ein paar Meter entfernt den BHP 50 auf. Die Bezeichnung steht für einen Behandlungspunkt, in dem pro Stunde 50 Verletzte versorgt und für den Transport in Kliniken vorbereitet werden können.

Anne Rostig harrt geduldig aus. Sie hat "ihren" Patienten nach ein paar Anlaufproblemen der Hilfsmaßnahmen zugewiesen bekommen, Erste Hilfe geleistet, zum Sammelpunkt geleitet. "Ich hab vorher nicht gewusst, was hier passiert", sagt sie. Zum ersten Mal ist die junge Frau bei solch einer Übung. "Herr Fischer" hat Schnittwunden im Gesicht, muss auf die Schaufeltrage, bekommt eine Halskrause. Er ist laut Identitätskärtchen ein "grüner Fall", also kein akuter, und muss damit recht lange bis zur Einlieferung ins mobile Krankenhaus warten.

Dort, im BHP 50, durchlaufen die Verunglückten zunächst das Dekontaminierungszelt, kümmern sich danach Notärzte um ihre Verletzungen. Vier Zelte, unterteilt nach sogenannten Sichtungskategorien, gibt es. Wer ins Zelt IV gebracht wird, gehört zu den komplizierten "Fällen". Aber auch daran ist gedacht: Das Team der "Psychosozialen Notfallberatung" steht bereit, um Patienten, Helfer wie auch eventuell erste eingetroffene Angehörige zu betreuen. Alles geschieht so lebensnah wie möglich.

Pannen fest eingeplant

Da bleiben Pannen nicht aus. Mancher Verletzte muss lange bis zur Bergung warten. Die Rettung aus dem "Airbus" erweist sich als komplizierte Angelegenheit. Nicht jeder Handgriff sitzt auf Anhieb, wertvolle Zeit verstreicht. Projektchef Rainer Maus hat das angekündigt. "Es wird nicht alles funktionieren", sagt er vor dem Alarm. Im ureigensten Sinne sehe er die Aktion auch nicht als Übung schlechthin, sondern als Leistungsschau.

Trotzdem erwarten die Experten natürlich detaillierte Erkenntnisse für einen hoffentlich nie eintretenden Ernstfall. Die Auswertung werde jedoch eine Zeitlang dauern, so Holm Felber, Sprecher der Landesdirektion. Denn es gibt viel Material zu sichten. Auch Anne Rostig steht während ihres Einsatzes unter ständiger Beobachtung der akribisch arbeitenden "Punktrichter". "Wo viele Verletzte sind, wird es auch immer Probleme geben", sagt sie. Und beugt sich wieder über "Herrn Fischer".

(Sächsische Zeitung, 24. September 2012)
 

 

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