Riesa: Die BSG ist wieder da

 

Riesa: Die BSG ist wieder da

In der früheren Stahl- und heutigen selbst ernannten Sportstadt soll mit der Gründung eines neuen Vereins der Fußball wieder höherklassig werden. Zum Start schossen die alten und neuen Chefs aber zunächst ein klassisches Eigentor.

Von Thomas Riemer

Trainer Ron Bößneck stapelt tief. "Wir wollen die Mannschaft zusammenführen und unter die ersten Fünf kommen", gibt er als Saisonziel seinier Mannschaft aus. Ob das die Fußballfans in riesa auch so sehen? Nach dem verpatzten Aufstieg im letzten Spieljahr träumen sie womöglich von anderen Zielen. Das größte: Erreichen der Landesliga.

Denn der Riesaer Fußball strebt nach oben. Vehement. Und unter neuem Namen. Wenn die Spielserie am 25./26. August in der Bezirksliga beginnt, müssen sich die Konkurrenten - wieder - an die "BSG Stahl Riesa" gewöhnen. Seit 1. Juli firmiert der Fußball in der Elbestadt unter dem alten neuen Namen - mit einem "Schönheitsfehler". Denn BSG steht nicht für Betriebssportgemeinschaft, sondern für Ballsportgemeinschaft. Das Besondere daran: In den Männerteams der BSG wollen die Funktionäre und auch das Riesaer Rathaus künftig den ehemaligen TSV Stahl sowie den Sportclub Riesa quasi vereinen und damit einen jahrelangen Zwist beenden.

Das ist auf dem Papier und den ersten Blick gelungen. Mitte Juli präsentierte die BSG bei einem „Fantag“ in der schmucken Nudelarena am Rande der Stadt jenes Team, das das „Projekt“ Aufstieg anpeilt. Ein paar bekannte Gesichter aus der Vorsaison sind geblieben, neue kamen hinzu. Sechs etablierte Stammkräfte verließen sofort nach Saisonschluss den Verein. Andere folgten in den Wochen danach. Trainer Bößneck nahm die Abschiedsshow des Sextetts am letzten Spieltag vor heimischer Kulisse gelassen. Bei einigen habe halt die Chemie nicht gestimmt, sagt er mehr nebenbei. Es klingt nach Aufatmen. Oder Erleichterung. Und Neuanfang.

Es war das Ende des alten TSV Stahl Riesa. Knapp zehn Jahre hieß der Verein so, nachdem er eigentlich von der Bildfläche verschwunden war. Der Vorgänger, FC Stahl Riesa 98, musste Insolvenz anmelden. Fußball in Riesa wurde fortan für einige Zeit nur auf Sparflamme gefahren. Auf Druck von Fans und einigen Enthusiasten enstand dann doch der neue TSV Stahl. Der fing buchstäblich ganz unten an - in der 2. Kreisklasse. Es folgte eine Rekordjagd. 76 Spiele blieben die Stahler ungeschlagen – das ist deutscher Rekord. Sogar das „Westfernsehen“ interessierte sich dafür. Der fußballerische Durchmarsch wurde erst in der Bezirksliga gestoppt. Vorerst, sagen die Fans und der Vorstand.

Zehn Jahre waren der TSV und der SC erbitterte Konkurrenten. Weniger auf dem grünen Rasen, dafür innerhalb der Vorstände, unter den Fans, von den Medien beleuchtet, von der Konkurrenz belächelt. Viele verglichen das Szenario mit den Leipziger Verhältnissen, als Lok und Chemie Scheingefechte austrugen und RB der lachende Dritte war. Sogar vom Riesaer „Fußballkrieg“ war die Rede. Auch von Ungleichbehandlung. Weil der SC angeblich städtische Unterstützung und sogar einen Kunstrasenplatz bekam, während der TSV aus mehr oder weniger Eigeninitiative die heutige „Nudelarena“ zum Schmuckkästchen am Stadtrand ausbaute. Das altehrwürdige Ernst-Grube-Stadion indes verkam. Die riesige Tribüne, zu Glanzzeiten der „alten“ BSG Stahl im DDR-Oberhaus von bis zu 6000 Zuschauern bevölkert, musste baupolizeilich gesperrt werden – wegen Sicherheitsbedenken. Das ist bis heute so. Auch wenn Riesas größter Betrieb, die Feralpi-Stahlwerke, zum Hauptsponsor des SC-Nachwuchses avancierten und Hilfe fürs „Grube“ in Aussicht stellten. Dabei ist es weitgehend geblieben. Die alte Spielstätte dümpelt wieder vor sich hin.

Doch auch der TSV Stahl blickt auf ein „Chaos-Jahr“ zurück. Sportlich ging es rauf und runter – mit dem dritten Bezirksliga-Platz wurde das Saisonziel klar verfehlt. Im Frühjahr wurde Manager Hubert Lein gefeuert. Der einstige Mitbegründer war vor allem bei den Fans wegen seiner Alleingänge in Ungnade gefallen. Dann nahm auch Schatzmeisterin Heike Nicklisch ihren Hut. Nur Stephan Robl blieb – der Präsident. Er sorgte noch im November 2011 für einen absoluten Coup, als er Dynamo-Dresden-Präsident Thomas Ritter zu einem Benefiz-Spiel des Zweitligisten für den querschnittgelähmten Lars Engel in der Nudelarena überredete. Robl hatte Lunte gerochen – schon wenig später verkündete er, dass auch Hansa Rostock ins Elbstädtchen kommt. Das Spiel scheiterte letztlich - an der Skepsis von Sponsoren, an Bedenken der Polizei.

Der Termin ist inzwischen verstrichen. Und Stephan Robl Geschichte. Mancher Stahler sieht dessen Absetzung als Putsch gegen den Gründungspräsidenten, andere als logische Folge verfehlter sportlicher wie auch finanzieller Strategien. Denn der TSV Stahl war quasi mittellos. Musste um Hilfe der Stadt betteln. Fragen über Fragen. Als die neue Ballsportgemeinschaft am 1. Juli offiziell gegründet wurde, war schon Unternehmer Falko Obenaus aus dem benachbarten Dörfchen Gohlis Präsident. Als „Interimslösung“, wie er selbst sagt. Maximal bis Jahresende. Trainer Ron Bößneck soll die sportlichen Belange leiten – zusammen mit dem künftigen Coach der „Zweiten“ Thomas Kupper.

Doch da hat die BSG die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der heißt in diesem Fall Thomas Juretzko, war bislang Trainer des TSV Stahl Riesa 2. und schaffte mit seiner jungen Truppe den Aufstieg in die Kreisoberliga. Ein Muster ohne Wert, wie sich jetzt herausstellt. Denn: Dort hat die BSG nur einen Startplatz – und der ist vom ehemaligen SC, der Mannschaft von Thomas Kupper, besetzt. „Mit uns hat darüber nie jemand geredet“, kommentiert Thomas Juretzko diesen Fauxpas. Zusammen mit seinem Teammanager und 14 Spielern hat er jetzt die Reißleine gezogen – und sich der SG Kreinitz, einem ambitionierten Dorfverein auf der anderen Elbseite angeschlossen. Die spielt ebenfalls in der Kreisoberliga und sehnt nun das Aufeinandertreffen mit der „Zweiten“ der BSG Stahl Riesa herbei.

In der Nudelarena reagiert man scheinbar gelassen. Ron Bößneck mag es inzwischen gar nicht mehr kommentieren. Er konzentriert sich auf sein Bezirksliga-Team. Und ist zum Erfolg verdammt. Wenn auch im dritten Anlauf der Aufstieg in die Landesliga nicht klappt, sind "giftige" Fragen programmiert. Schon im Frühjahr zeichnete sich ab, dass dem 38-Jährigen seitens der Fangemeinde ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht bläst. Denn Bößneck, quasi Vize im Interimsvorstand der BSG Stahl Riesa, würden die Anhänger ein weiteres klassisches Eigentor übel nehmen. Bößneck selbst wiegelt wie erwähnt ab. Das neue Team mit acht Neuzugängen sei für den Aufstieg eigentlich noch zu jung, sagt er.

Deshalb kommt den Vorbereitungsspielen auf die neue Saison zur üblichen Bestandsaufnahme der Leistungsfähigkeit der vorerst 21 Spieler starken Mannschaft ein zusätzlicher Spannungseffekt hinzu. Werden die Anhänger die „neue“ BSG annehmen? Wird das Team funktionieren? Wer sind die Leistungsträger? Zumindest konnten im Juli sämtliche Vorbereitungsspiele gewonnen werden. Beim Königswarthaer SC etwa mit 8:1. Die Gastgeber spielen in der Parallel-Staffel der Bezirksliga und zeigten sich nach der Begegnung ob der Spielstärke der Riesaer erleichtert, die BSG nicht als Pflichtspielgegner zu haben. Neuzugang Johannes Runge (19), der vom Oschatzer SV an die Elbe kam, schoss allein vier Tore. Ron Bößneck warnt trotzdem vor zu hohen Erwartungen. "Die Vorbereitungsspiele darf man nicht überbewerten", sagt er.

Noch ist ein bisschen Zeit, das Team zu formieren. „Scharfer Start“ ist am 18. Oder 19. August im Landespokal. Zum ersten Punktspiel geht es eine Woche später nach Wilsdruff. Und dann kommt zum ersten Heimspiel gleich ein Nachbar: der Meißner SV 08.

(erschienen: Sächsische Sportzeitung, Ausgabe August 2012)

Nach oben