Riesas vergessene Olympiasiegerin

 

Riesas vergessene Olympiasiegerin
 
 
Von Thomas Riemer
 
Monika Zehrt feiert heute ihren 60. Geburtstag. Vor 40 Jahren holte sie Gold in München. In ihrer Heimat erinnern sich nur wenige daran. Einer von ihnen ist Gunter Engelbrecht.
Es ist der 7. September 1972. Irgendwann am frühen Abend im Münchner Olympiastadion stürmt ein 19-jähriges Mädchen nach einer Stadionrunde ins Ziel. Olympiasiegerin! Monika Zehrt ist ihr Name. Nur wenige hatten die DDR-Läuferin auf der Gold-Rechnung. Andere Athletinnen - wie Rita Wilden aus der Bundesrepubik und Cathy Hammond aus den USA - wurden weit höher gehandelt. Wenige Tage später legte das Mädchen aus Riesa nach: Gold in der Staffel über viermal 400 Meter. Mit Weltrekord.

Verblichener Glanz. Denn die Erfolge der Monika Zehrt sind in ihrer Geburtsstadt Schnee von gestern. Während 72er Olympiasieger aus der ehemaligen DDR wie Renate Stecher, Roland Matthes, Wolfgang Nordwig, Erika Zuchold oder Klaus Köste auch nach der Wende "hofiert" wurden, ward es um das Riesaer Mädel ruhig. Dass sie heute ihren 60. Geburtstag feiert, ist höchstens aus gängigen Internet-Suchmaschinen zu entnehmen. Monika, heute in zweiter Ehe unter dem Namen Zehrt-Holtz in Blankenfeld bei Berlin lebend, hat sich zurückgezogen. Fast. Ihr jüngstes Zeichen setzte sie im Juli diesen Jahres - als Mitunterzeichnerin eines Offenen Briefes zugunsten einer Schweigeminute für die Opfer des Olympia-Attentats von München. Auch das geschah vor vierzig Jahren, nur wenige Tage vor ihrem ersten Gold-Rennen.

Und doch gibt es einen Riesaer, der "die Monika" nicht nur sehr gut kennt, sondern auch in der Elbestadt trainierte: Gunter Engelbrecht. Der heute 84-Jährige ist quasi der Entdecker von Monika Zehrt, die allerdings nicht beim Sportclub, sondern bei der früheren Sportgemeinschaft Dynamo Riesa ihre Laufbahn begann. Doch Engelbrecht wiegelt ab. Ja, vielleicht war er ja der Entdecker, sagt er. Aber Heimtrainer war der leider bereits verstorbene Rolf Hesse.

"Monika war eine kleine zierliche Person, die aber sehr gute Voraussetzungen mitbrachte", erinnert sich Gunter Engelbrecht. Er war damals, irgendwann in den 1960ern, Sportlehrer in Riesa, als er vom Kreisschulrat den Auftrag bekam, eine Sportschule zu gründen. Die entwickelte sich gut, so dass sich Dynamo Riesa schnell dafür interessierte. Gunter Engelbrecht war inzwischen auch Trainer im Verein, lernte die spätere Weltklasse-Athletin während eines Trainingslagers in Geising kennen. "Eigentlich war sie viel zu klein", sagt er rückblickend. Das sah auch der SC Dynamo Berlin, das Leistungszentrum schlechthin, so - und erteilte der Nachwuchs-Hoffnung eine Absage. Doch Engelbrecht und Rolf Hesse gaben nicht auf. Ein halbes Jahr später schlug Monika Zehrt sämtliche Berliner Asse und fortan ihre Zelte in Berlin auf. "Die haben schnell erkannt, dass in der Monika eine 400-Meter-Läuferin steckt", sagt Gunter Engelbrecht.

Der Wechsel in die Hauptstadt schmerzte die Riesaer Trainer natürlich. "Das tat schon weh", gesteht Engelbrecht. Richtig sei es trotzdem immer wieder gewesen, Talente "nach oben" zu geben. "Die Clubs hatten doch ganz andere Möglichkeiten als wir hier in Riesa", sagt der Trainer. Das sei im Übrigen auch heute noch - oder wieder - so.

Olympia in München verfolgte Gunter Engelbrecht wie alle DDR-Bürger damals im Fernsehen. Auch den Rummel, den die sozialistischen "Sportexperten" um ihre Helden veranstalteten. Deshalb freute er sich ganz besonders, als er gemeinsam mit Rolf Hesse zu einem kleinen Empfang im "Italienischen Dörfchen" in Dresden eingeladen wurde. "Sie hat nach ihrem Olympiasieg an uns gedacht", freut sich der Ur-Riesaer noch heute. Und er weiß auch: "Das hat sie sich damals so gewünscht."

Monika Zehrt, die nach ihrer ersten Ehe Landgraf hieß, beendete schon mit 24 Jahren ihre Leistungssport-Karriere. Warum so früh - darüber wurde mehr spekuliert als gewusst. Mal wurden ihre Leistungen im "Reich des anabolen DDR-Zeitalters" angesiedelt. Mal ist von persönlichen Gründen für das Karriere-Ende die Rede. Nach der Wende hängte sie ihren Job in der Außenhandelsbranche notgedrungen an den Nagel, wechselte in ein Berliner Einrichtungshaus.

"Bis vor wenigen Jahren hatte ich noch Kontakt zu Monika", sagt Gunter Engelbrecht. "Sie ist eben für mich ein Riesaer Kind." Ihr letzter öffentlicher Auftritt in ihrer Heimatstadt reicht ins Jahr 1997 zurück. Da gehörte die damals 45-Jährige zu den "Ehemaligen", die das umgebaute Leichtathletik-Stadion in der "Delle" einweihten.

Gunter Engelbrecht dagegen trainiert trotz seiner 84 Lenze noch immer Kinder und Jugendliche - heute beim SC Riesa. Vieles ist wie früher. "Wer gut ist, wird delegiert - heute nach Chemnitz", sagt er. Ob "eine kleine Zehrt" aus Riesa wieder dabei ist? Er weiß es nicht.

Zumal manche Wege aus den Riesaer Leichtathletik-Anlagen ganz anders verliefen als der geradlinige der Monika Zehrt. Was wahrscheinlich noch weniger Riesaer wissen: Gunter Engelbrecht hat in Riesa einen weiteren Olympiasieger "geformt". Sein Name: Uwe Proske. Er gelangte 1992 mit der dann schon gesamtdeutschen Fecht-Degenmannschaft auf den Thron von Barcelona. Seine sportliche Wiege aber stand in Riesa. "Der war bei uns Leichtathleten. Und dann kamen die vom Club und haben gesagt: Der passt zu uns, den nehmen wir mit - aber als Fechter." Gunter Engelbrecht muss lachen.

Klar, da schwingen Stolz und Wehmut mit. Dass Monika Zehrt die erste Riesaer Olympiasiegerin ist und trotzdem in ihrer Heimat fast in Vergessenheit geraten ist. Engelbrecht schwelgt in Erinnerungen. Und vielleicht kramt er heute auch in seinen Aufzeichnungen, die er irgendwo "versteckt" hat. Nächste Woche steht der 84-Jährige dann schon wieder auf dem Trainingsplatz. Vielleicht ist ja doch "eine kleine Zehrt" unter seinen Schützlingen.
 

(Sächsische Zeitung Riesa, 29. September 2012)

 

Nach oben