Schwanger mit dreizehn

 

Schwanger mit dreizehn

Wenn Minderjährige ein Kind erwarten, stehen sie vor schwierigen Entscheidungen. Zwei Schicksale aus dem Landkreis zeigen, wie unterschiedlich Verantwortung übernommen wird.

Von Thomas Riemer

Peter Lässig horcht auf, erschrickt, zuckt kurz zusammen. Dann bittet der Staatsanwalt um eine Pause, um die Polizei anzurufen. Denn kurz  zuvor hat Ramona Pohl (*) beim Prozess vor dem Riesaer Amtsgericht  etwas gesagt, was sie eigentlich gar nicht sagen wollte: „Jessica war schwanger.“ Jessica ist ihre Tochter. Ein lebenslustiges Riesaer Mädchen. Im Gerichtssaal sitzt sie, weil Florian Fünfstück (*) wegen Körperverletzung angeklagt ist. Der 21-Jährige „ist mein Ex“, sagt Jessica im Zeugenstand. Und er ist der Vater ihres ungeborenen Kindes. Jessica hat es abtreiben lassen, wenige Tage vor der Verhandlung und ihrem Geburtstag. Es war ihr 14. Staatsanwalt Lässig wird hellhörig. „Da waren Sie also noch 13, als es passierte“, fragt er und stellt es  gleichzeitig auch fest. Ramona Pohl spricht für Jessica. „Ja, gleich beim ersten Mal“, sagt sie. Der Jurist schüttelt den Kopf. Er hat genug  gehört.

Ein Fall für den Staatsanwalt? So wird es nun wohl passieren – und für Florian Fünfstück könnte es dabei ziemlich dicke kommen. Denn mit 13 zählte Jessica noch zu jener Altersgruppe, wo von „sexuellem Missbrauch von Kindern“ ausgegangen werden muss. Das Gesetz sieht dafür eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zehn Jahren vor.

Ein Fall für das Jugendamt? Nicht zwingend, sagt die Sachbearbeiterin Soziale Dienste Dagmar Güldner. „Für die Minderjährige liegt die Verantwortung bei den Sorgeberechtigten.“ Die hätten die Möglichkeit, das Jugendamt um Hilfe zu bitten. Doch jeder Fall, auch der der 13-jährigen Jessica, sei ein Einzelfall. Die hat sich umgehend für einen Abbruch der Schwangerschaft  entschieden. Das ist nach entsprechender Beratung legitim. Wie viele Abbrüche es bei Minderjährigen gibt, dazu verfüge das Kreisjugendamt über keine verlässlichen Zahlen.

Nicht in jedem Fall, wo eine Beratung erfolge, sei gesichert, „dass die Schwangere diesen letzten Schritt auch vollzieht“, so Dagmar Güldner. Auch von einer möglichen „Dunkelziffer“ über nicht gemeldete Abbrüche  bzw. Behandlungen sei im Jugendamt nichts bekannt. Gleiches gilt für das Statistische Landesamt. Sachsenweit sind dort im vergangenen Jahr 29 Schwangerschaftsabbrüche bei Mädchen unter 15 Jahre verzeichnet, Tendenz im Vergleich zu den Vorjahren in etwa gleichbleibend.

Szenenwechsel: Täglich schiebt Nadine (*) den Kinderwagen mit ihrem gerade geborenen Töchterchen durchs Städtchen. Bald wird das hübsche Mädchen 15. „Es war sicherlich kein Wunschkind in meinem Alter“, sagt sie nachdenklich. „Aber ich würde mich wieder dafür entscheiden, denn mein Kind ist ein kleines Wunder und hat wie ich das Recht, zu leben“, sagt Nadine. „Ich liebe sie so sehr.“

Die Noch-14-Jährige ist die absolute Ausnahmeerscheinung im Landkreis Meißen. Von 2007 bis 2010 wurden im Statistischen Landesamt insgesamt sechs junge Mütter im Alter unter 15 Jahren registriert. Im vergangenen Jahr gab es keinen einzigen Fall, 17 Mal waren die Mütter zwischen 15 und 18 Jahre alt.

Nadines Leben hat sich völlig verändert. Ihr Freund und dessen Familie stehen und standen von Anfang an hinter der Schwangerschaft. Auch Nadines – getrenntlebende – Eltern sowie ein Teil der Geschwister. Aber nicht alle. „Die anderen wollen nix mehr mit mir zu tun haben. Es wäre peinlich, in meinem Alter schwanger zu sein, sagen sie.“ Das tut weh, gesteht Nadine. Deshalb ist sie froh, dass der Großteil ihres Freundeskreises zu ihr hält, sie in ihrem jetzigen Zuhause auch besucht. Denn Nadine lebt in einem Wohnheim, das ihr das Jugendamt vermittelt hat. Eine kleine Zweiraumwohnung ist ihr Reich. Sie darf Besuch empfangen, geht viel spazieren. Aber sie fühlt sich oft auch einsam, sehnt sich nach Hause zurück.

Frühzeitig hat sie den Kontakt zum Jugendamt gesucht. Das übt derzeit für die Kinder von 14 minderjährigen Müttern unter 18 Jahren die Vormundschaft aus, sagt Sachgebietsleiterin Dagmar Güldner. Bedingung ist das nicht. Denn es gebe durchaus weitere junge Mamas, für die deren Familienangehörige oder die Großeltern als Vormund eingesetzt sind.

Nadine ist jedenfalls dankbar. Von Behördengängen über die Dinge des täglichen Gebrauchs, die Finanzierung sowie die Besorgung der Utensilien für den Säugling hilft ihre Betreuerin. „So ziemlich alles wird vorher mit mir besprochen“, sagt Nadine und atmet durch. Die Kosten dafür trägt der öffentliche Träger der Jugendhilfe, so Dagmar Güldner.

Zu Nadines Alltag gehört zurzeit auch, dass einmal wöchentlich eine Hebamme kommt und nach Mutter und Kind schaut. Fünf dafür ausgebildete Familienhebammen gibt es im Landkreis Meißen. Der erhält dafür gemäß Bundeskinderschutzgesetz finanzielle Mittel. Derzeit arbeite das Kreisjugendamt an der Ausarbeitung eines entsprechenden Einsatzvertrages, so Dagmar Güldner.

Nadine schmiedet Pläne für ihre Zukunft. Die Schule hat sie Anfang des Jahres unter-, aber nicht abgebrochen. Sie wird an ihre alte Schule zurückkehren – das ist ihr wichtig. Ihr großer Traum: Mit ihrem Freund will sie zusammenziehen, die Tochter gemeinsam mit ihm erziehen. Froh ist Nadine auch, dass es kein juristisches Nachspiel gibt, obwohl sie erst 14 war, als die Schwangerschaft festgestellt wurde.

Dann widmet sie sich wieder ihrer wenige Wochen alten Tochter. „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich sie nicht bekommen hätte“ sagt Nadine.

(*) Namen von der Redaktion geändert

(Sächsische Zeitung, 17. August 2012)

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