Super-Talent auf acht Rollen

 

Supertalent auf acht Rollen

Elisabeth Baier vom Großenhainer Rollsportverein ist erstmals im Trikot der Deutschen Nationalmannschaft gestartet. Und hat im belgischen Zanvoorde gleich Silber eingeheimst.

Von Thomas Riemer

Am letzten August-Wochenende wird beim Großenhainer Rollsportverein getanzt, gesungen, unterhalten. Das hat Tradition. Seit vielen Jahren. Dann sorgen insbesondere die Nachwuchathleten des Vereins für allerlei Klamauk, um ihren Kontrahenten aus Gera, Eisenach, Meißen, Luckenwalde, Anklam, Leipzig oder Tschechien die Pause zwischen den Wettkampftagen der jährlichen Rollsporttage zu versüßen. Mittendrin ein nach außen eher schüchternes blondes Mädchen: Elisabeth Baier.

Eigentlich liegt der 13-Jährigen ein ganz anderer Tanz: Der auf acht Rollen. Denn "Elli" ist derzeit Großenhains größte Nachwuchshoffnung unter den Speedskatern. In diesem Jahr hat die Ebersbacherin den Durchbruch wohl endgültig geschafft - und sich auf Anhieb in die Weltspitze katapultiert. Das Drei-Pisten-Rennen in Südfrankreich zu den Osterfeiertagen war dabei so etwas wie die Initialzündung, auch eine gewisse Erlösung. Dort gehen jeweils um die 1000 Speedskater aus aller Welt an den Start. Und Elisabeth Baier sorgte für Aufsehen in der Fachwelt. Mit zwei fünften und einem 16. Tagesplatz schob sie sich am Ende unter 110 Teilnehmerinnen in ihrer Altersklasse auf den vierten Gesamtplatz. "Frankreich war top", erinnert sich Mutti Anke Baier an das grandiose Wochenende. Zum Vergleich: Neben Elisabeth Baier schafften nur die Geraerin Sabine Berg und der Darmstädter Felix Rijhnen eine solche Platzierung. Und beide gehören in den Aktiven-Klassen zur absoluten deutschen Elite, holten bereits Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften.

Jetzt hat die kleine Großenhainerin den nächsten Coup nachgelegt. Anfang August streifte sie zum ersten Mal das Trikot der Deutschen Nationalmannschaft über und wurde sensationelle Zweite bei einem Europacup-Wettkampf in Zandvoorde. Die Bahn in der belgischen Skater-Metropole erwies sich für "Elli" als wahres Glücksoval. Nur ein Sturz gleich beim ersten Lauf verhinderte gar den ganz großen Triumph beim Großen Preis von Flandern. In den restlichen fünf Rennen überzeugte der "blonde Blitz". Zwei Mal gelang sogar der Sprung aufs oberste Treppchen. Gleiches gelang übrigens auch ihrer Dauerrivalin Cheyenne Riedel aus Gera. Während sich beide schon unzählige tolle und mitreißende Deuelle auf Deutschlands Bahnen geliefert haben, verband sie in Flandern vor allem eine überzeugende Teamarbeit.

Elisabeth Baiers erfolgreiches Jahr wird komplettiert durch den Sprintsieg bei den Deutschen Meisterschaften im Juni in Gera. Gleich im ersten Wettkampf holte der Wirbelwind den so wichtigen Titel über 200 Meter, der auch ihren Vereinskollegen manchen Rückenwind verschaffte. Zwei Silbermedaillen sowie ein vierter Platz komplettieren die Erfolgsbilanz der Titelkämpfe im Thüringischen.

Auf "Werbetour" geht Elli deshalbh aber noch lange nicht. Zwar gilt sie seit Jahren nicht nur beim Großenhainer Rollsportverein als absolute Ausnahmeerscheinung im Nachwuchsbereich. Überheblich ist sie dadurch aber nicht geworden. In den jüngeren Altersklassen distanzierte sie die Konkurrenz nicht nur um Rollenbreiten, sondern deklassierte sie nicht selten um Längen - und das meist mit äußerlich spielerischer Leichtigkeit. "Sie ist unheimlich ehrgeizig und zielstrebig", bringt Anke Baier einen Grund für die Erfolge der Tochter auf den Punkt. Das sei schon immer so gewesen, ohne dass die Eltern viel dazu tun mussten. Drei Mal pro Woche trainiert Elli auf der heimischen Bahn im Großenhainer Sportpark "Husarenviertel" - aber oft ist das nicht genug für sie. Deshalb trifft man sie auch außerhalb der Trainingszeiten mal beim Joggen, mal beim Radfahren an. Selbst am Wochenende - sofern sie nicht auf Wettkampfreise ist. Da fahre sie schon mal freiwillig ins fünf Kilometer entfernte Rödern bei Radeburg, um frische Brötchen zu besorgen, sagt Anke Baier. "Sie braucht das."

In ihrer Trainingsgruppe ist Elisabeth der Spaßvogel. Da sind sich die Trainingskollegen weitgehend einig. Seit Herbst 2011 gehört sie zur Gruppe von Landestrainerin Kerstin Rannacher. "Sie hat immer gute Laune", sagt die Chefin. Und hält trotzdem mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, wenn etwas nicht passt. Im Training spannt sie sich stets vor das Feld - wohl auch aus Gewohnheit. Und wieder fällt das Wort "unheimlich ehrgeizig" - diesmal von der Heimtrainerin. Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer, Talent  -  alles bringe die Gymnasiastin mit. Und inzwischen hat Elli offenbar auch bei der taktischen Gestaltung der Rennen einiges dazugelernt. Und damit die Bundestrainer überzeugt.

Zu Hause in Ebersbach stapeln sich die Pokale im Schrank von Elisabeth Baier. Wie viele sind es? "Keine Ahnung", sagt sie bescheiden. Putzen muss sie die Trophäen selbst - aber das sei kein Problem. Natürlich sollen noch viele weitere Preise hinzukommen. "Weltmeisterin? Das wäre schön", sagt sie und muss automatisch lächeln. Das Vorbild hat sie im eigenen Verein. Ute Enger schaffte in diesem Jahr bei den Seniorinnen den Sprung ganz nach oben im Marathonlauf auf den Kunststoffrollen.

Elli verschwindet derweil im Tross der Trainingsgruppe.  Noch ist die Wettkampfsaison nicht ganz zu Ende. Und wer sie kennt, der weiß, dass auch danach keine Pause eingelegt wird. Nächstes Jahr darf sie dann laut Reglement endlich Halbmarathon laufen. Darauf "brennt" sie schon.

(erschienen: Sächsische Sport-Zeitung, Ausgabe September 2012)

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