Das Boot von Strehla

Das legendäre Boot
Die alte Schaluppe, die 1945 zur ersten Begegnung zwischen Russen und Amerikanern an der Elbe diente, soll in Strehla reif fürs Museum gemacht werden. Werden sich dafür die nötigen Unterstützer finden?
 
Von Thomas Riemer
 
Wenn sie in Strehla sagen „Das Boot“, dann kommen bei den Alteingesessenen schon einmal Emotionen hoch. Auch wenn sie die Geschichte von „ihrem Boot“ meist nur noch aus den Erzählungen ihrer Großeltern oder Eltern kennen. „Das Boot“ ist etwas ganz Besonderes – und seit ein paar Wochen ist es wieder in Strehla.
Die Rede ist von jener „alten Schaluppe“, mit der Leutnant Albert Kotzebue und fünf US-Soldaten in der Mittagsstunde des 25. April 1945 die Elbe von Strehla nach Lorenzkirch überquerten und sich mit Rotarmisten trafen. Es war jene legendäre erste Begegnung an der Elbe. Erst viel später stellten Historiker dies zweifelsfrei fest.
Das Boot ist quasi das letzte existierende Relikt dieser bedeutsamen Episode vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Lange Zeit gehörte es zum Fundus von Rüdiger Schwark in Zeithain. Er ist Sachverständiger für alte Militärtechnik. Doch ein Boot passte eigentlich nie so richtig in sein Repertoire. In Strehla dagegen gab es immer wieder Bestrebungen, „unser Boot“ nach Hause zu holen.
Im Dezember 2011 war der Zeitpunkt gekommen. „Der Transport war schon ein kleines Abenteuer“, sagt Siglinde Schroth. Sie ist die Vorsitzende des Ortsverbandes des Strehlaer Kulturbundes und will sich jetzt mit ihren Mitstreitern darum kümmern, dass die Geschichte des Bootes nicht in Vergessenheit gerät. Denn dessen Zustand „ist nicht gerade der beste“, sagt Siglinde Schroth. In Zeithain lag es lange im Freien, „der Transport auf dem Tieflader hat dem Boot nicht gutgetan“, so Schroth. An der Spitze klaffe das Boot auseinander, das Holz sei in schlechtem Zustand. Inzwischen ist der Kahn in einer alten Lagerhalle in Strehla untergebracht worden. Vorerst.
Denn ein paar Enthusiasten haben die ehrenwerte Vision, es wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – im Strehlaer Heimatmuseum. „Wir planen, bei der Sparkassenstiftung einen Antrag auf Restaurierung zu stellen“, so Siglinde Schroth. Denn ohne finanzielle Hilfe sei es unmöglich, mit Eigenmitteln ihres Vereins das Boot hoffähig zu machen. Die Größenordnung, in der sich die Kosten bewegen werden, ist allerdings noch nicht klar. Ein Schlosser und ein Bautischler wollen sich deshalb in diesen Tagen das Boot zunächst einmal anschauen und untersuchen, dann einen Kostenvoranschlag erstellen. Es gehe den Strehlaern aber nicht darum, das Boot in den Urzustand zu versetzen und alles neu zu machen, so Siglinde Schroth. Vielmehr solle es an jenen Tag 1945 erinnern – und zwar nach ihren Vorstellungen im Garten des Strehlaer Museums. Um es dann vor schlechtem Wetter zu schützen, soll eine Unterstellmöglichkeit in Form eines Schauers o.ä. gebaut werden. Hier hofft der Kulturbund auch auf das Entgegenkommen der Stadtverwaltung beim Bau. Ideelle Unterstützung versprechen sich die Beteiligten zudem vom CDU-Landtagsabgeordneten Geert Mackenroth. Der hatte noch im alten Jahr am Rande eines Empfanges für Ehrenamtliche die Sparkassenstiftung als möglichen Förderer ins Gespräch gebracht und könne jetzt „durch eine persönliche Stellungnahme zur Bedeutung und Wichtigkeit den Antrag unterstützen“.
Mit „im Boot“ sitzt im doppelten Wortsinne auch Hobby-Historiker Gunter Spies aus Riesa. Als Riesaer Riese ist er bekannt für Heimatforschung und Traditionspflege – und als früherer Radarmeister u. Ortungsbetriebsbootsmann im Flottenkommando Glücksburg bei der Marine hat er besonderes Interesse an der Rettung des „alten Kahns“. Spies will sich zusätzlich auf einer anderen Ebene auf die Suche nach Finanzmitteln begeben und jene amerikanische Einheit ausfindig machen, zu der Leutnant Kotzebue und sein Gefolge damals gehörten. Deren Mitgliedern – so seine Vorstellung – könnte man das auszutauschende Holz des Bootes anbieten und das Geld zum Wiederaufbau verwenden. „Ich werde über die US-Botschaft in Berlin versuchen herauszubekommen, ob es diese Einheit überhaupt noch gibt“, so Gunter Spies.
Auch den Reservistenverband und den Deutschen Bundeswehrverband will Spies nach Möglichkeit einbinden. Wenn zum Beispiel jedes Mitglied nur einen einzigen Euro spenden würde, wäre schon eine Menge Geld auf dem Konto, so seine Hoffnung. Auch über „Gegenleistungen“ macht sich der Riese bereits Gedanken. Zum Beispiel könnte es ein „Lockmittel“ sein, die Sponsoren beim jährlichen Elbe-Day in Originalkostümen selbst die legendäre Überfahrt nachstellen zu lassen.
In jedem Fall ist relative Eile geboten. Denn je länger das Boot im jetzigen Zustand irgendwo liegt, desto schlechter sind die Aussichten, es so gut wie möglich zu restaurieren. Siglinde Schroth will deshalb auch rasch die angekündigten Kostenvoranschläge auswerten, um den Förderantrag bei der Sparkassenstiftung stellen zu können. Das ehrgeizige Ziel: Mit verhältnismäßig wenig Mitteln und Aufwand das Boot museumswürdig gestalten – und das noch in diesem Jahr.
2015, wenn sich der historische Schulterschluss zwischen Amerikanern und Russen an der Elbe zum 70. Male jährt, wäre dann ein Anlass, die „alte Schaluppe“ auch in größerem Rahmen ins angemessene historische Licht zu rücken. Denn zum Verdruss von Lorenzkirch, Kreinitz und Strehla reklamierte in der Vergangenheit stets Torgau die erste Begegnung von GI’s und Rotarmisten für sich. Ortschronisten der Region jedoch haben nachgewiesen, dass es eben jene Fahrt von Kotzebue war, die erstmals die Kriegsgewinner vereinte.
Dies in Strehla anhand der Geschichte des legendären Bootes anschaulich nachzuvollziehen, ist eine Riesenaufgabe. Siglinde Schroth, Gunter Spies und wahrscheinlich viele Strehlaer werden sich ihr annehmen. Denn es ist und bleibt „ihr Boot“.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 23. Januar 2012)

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