„Die Opfer bleiben Opfer“
Der „Weiße Ring“ verfügt in Sachsen über 22 Außenstellen. Dort arbeiten über 150 ehrenamtliche, geschulte Helferinnen und Helfer in der Opferarbeit. Im Freistaat hat es seit Gründung des Weißen Ringes in knapp 9000 Fällen eine Opferhilfe gegeben, im letzten Jahr haben die Mitarbeiter knapp 450 Fälle bewältigt. Bisher wurden in Sachsen 2,7 Millionen Euro an direkten finanziellen Leistungen für Opfer ausgezahlt, im Jahr 2010 waren es 134.000 Euro. Der Weiße Ring hat in Sachsen derzeit rund 925 Mitglieder. Die stärksten Ortsverbände stellen Dresden, Leipzig, Nordsachsen und Meißen. Am Sonnabend fand in Riesa die Jahrestagung des Landesverbandes statt. Hauptredner war der Staatssekretär aus dem Innenministerium Michael Wilhelm mit einem Festvortrag zum Thema "Opferschutz in Sachsen“. Die SZ sprach mit dem Landesvorsitzenden des Weißen Rings, dem CDU-Landtagsabgeordneten Geert Mackenroth.
 
Herr Mackenroth, können Sie einen der jüngsten Fälle aus der näheren Region kurz darstellen, bei dem ein Opfer Hilfe vom Weißen Ring erhielt?
Da gab es in jüngster Zeit einen Verdacht im Raum Großenhain, bei dem so genannte K.o.-Tropfen im Spiel waren. Ein Mädchen meldete sich und gab an, Erinnerungslücken zu haben und willenlos gemacht worden zu sein. Die Polizei leitete die entsprechenden Ermittlungen ein inklusive einer rechtsmedizinischen Untersuchung. Allerdings war die Droge nicht mehr nachweisbar, weil dies nach drei bis vier Stunden normalerweise nicht mehr möglich ist. Trotzdem ist das Mädchen in das Programm des Weißen Ringes aufgenommen worden und erfährt jetzt zum Beispiel psychologische und ärztliche Betreuung.
Welchen Stellenwert genießt aus Ihrer Sicht der „Opferschutz in Sachsen“?
Das Opfer bleibt ein Opfer, egal, ob ein Täter gefasst wird oder nicht. Das gilt vor allem für jene Fälle, in denen Gewalt jedweder Art und Missbrauch im Spiel ist. Die Polizei ist für die Ermittlung der Täter zuständig. Findet sie keinen Täter, schließt sie die Akte. Es wäre gut, wenn sie die Opfer in jedem Fall auf unsere Hilfsangebote aufmerksam machen und dann auch zu uns schicken würde. Das ist noch nicht immer der Fall. Unser Ziel als „Weißer Ring“ ist es deshalb, dass jeder Beamte neben seinen Ermittlungsakten ein Infoblatt - eine Visitenkarte - von uns liegen hat, die er den Betroffenen als Angebot weitergibt. Mit Innen-Staatssekretär Michael Wilhelm haben wir deshalb hier in Riesa baldige Gespräche über eine entsprechende Kooperationsvereinbarung zwischen Weißem Ring und Innenministerium vereinbart.
Ein weiteres Thema der Landestagung waren die so genannten Traumaambulanzen. Warum?
Bislang gibt es Traumaambulanzen erst in zwei Bundesländern. Dort wird das Opfer schnell und professionell von Therapeuten oder Psychologen betreut. Beginnt die Behandlung innerhalb von 14 Tagen nach der Tat, lassen sich Spätfolgen von Verbrechen entscheidend verringern. Die regulären Wartezeiten in Sachsen liegen bei mehreren Monaten – das wollen wir ändern.
Immer wieder diskutiert wurde und wird der „Deal im Strafverfahren“ aus Sicht des Opfers. Widerspricht diese Debatte nicht gerade Ihrem Verständnis aus Sicht eines ehemaligen Justizministers?
Als Weißer Ring sagen wir: Die Dinge sind auch hier nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Eine Absprache im Strafverfahren macht zum Beispiel Sinn, wenn sie dem Opfer weiteres Leid erspart, wenn etwa durch ein Geständnis die belastende Begegnung mit dem Täter überflüssig wird oder dem Opfer quälende Mehrfachvernehmungen erspart bleiben. Dann kann ein Deal durchaus sinnvoll und auch unter Gerechtigkeitsaspekten vertretbar sein.
Wer sind die potenziellen Partner des Weißen Ringes in Sachsen?
Wir arbeiten mit allen zusammen, die sich den Opferschutz auf die Fahnen geschrieben haben. Dazu gehören – um ein Beispiel zu nennen – die Frauenhäuser. Mir ist dabei der Hinweis wichtig, dass alle Mitarbeiter des Weißen Ringes professionell arbeiten. Unsere ehrenamtlichen Opferhelfer nehmen sich die Zeit für die Menschen, die nötig ist, und müssen nicht auf irgendwelche Statistiken oder Termindruck schauen.
Woher kommt das Geld für die finanzielle Unterstützung der Opfer?
Der Weiße Ring finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Hinzu kommen Geldbußen, die Tätern zweckgebunden für uns durch Gerichte auferlegt werden. Wir bekommen dagegen keinerlei staatliche Zuschüsse – dadurch unterscheiden wir uns grundlegend von anderen Organisationen.
Gab es einen besonderen Grund, dass die Landestagung des Weißen Ringes in Riesa stattfand?
Ein Grund war natürlich, dass Riesa zu meinem Wahlkreis gehört und ich für ein wachgeküsstes Dornröschen unter den sächsischen Städten werben wollte. Das ist gelungen. Wir haben am Sonnabend nach der Arbeit unter anderem eine Schiffsfahrt auf der Elbe unternommen, und unsere Gäste waren beeindruckt von der landschaftlichen Schönheit.
Gespräch: Thomas Riemer
(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Ausgabe Riesa, am 26. September 2011)

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