Ein Prosit auf den Federweißer

Tausende kosten den

 Seußlitzer Federweißen

Zur 12. Federweißermeile im Elbweindorf gab es endlich mal schönes Wetter. Weingüter, Gasthäuser, Weinstuben, Besen- und Straußwirtschaften luden zum Verweilen ein.

 

Von Thomas Riemer

 

Weingott Bacchus, der in Diesbar-Seußlitz eigentlich Jens heißt, atmet auf. Aus mehreren Gründen. Denn am frühen Samstagabend hat er das für ihn strapaziöse Eröffnungszeremoniell des Federweißerfestes gemeinsam mit Weinkönigin Nicole erfolgreich bestanden. Im Seußlitzer Schloss, etwas abseits des zentralen Festareals, findet er bei einer Führung ein wenig Ruhe vor dem abendlichen Trubel. Und vor allem ist es dort erfrischend kühl. „In den letzten Jahren hatten entweder die Weinfeste in Meißen und Radebeul schönes und wir schlechtes Wetter oder umgekehrt“, sagt der Weingott. In diesem Jahr passt alles – die Federweißermeile von Diesbar-Seußlitz öffnet bei strahlendem Sonnenschein und gefühlten 30 Grad im Schatten.

 

Und das Weinvolk ergreift schnell Besitz von den unzähligen Angeboten auf dem offiziellen Weg zwischen den Gasthäusern „Rosengarten“ und „Zum Roß“. Otmar Gehre, im Fremdenverkehrsverein Sächsische Elbweindörfer zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, übernimmt den Part des Fremdenführers für die offiziellen Gäste. Zu ihnen zählt neben Sponsoren, den Weinmajestäten, den Nünchritzer Spielleuten sowie Bürgermeister Gerd Barthold auch die Sächsische Erntekönigin Patricia Daubitz. „Das ist ein richtig gelungenes Fest hier, ich finde es prima“, sagt die 27-jährige Schönheit schon nach wenigen Minuten. Sie muss es eigentlich wissen, denn in diesen Herbsttagen wird die Erntekönigin ja buchstäblich von einem Fest zum anderen herumgereicht. Diesbar-Seußlitz ist daher – obwohl gleich neben ihrem Heimatort Leckwitz gelegen - nur eine Zwischenstation. Heute zum Beispiel folgt Patricia I. schon wieder der Einladung von Bundespräsident Wulff zu dessen Erntedankfest in seiner Residenz. In Diesbar wiederum genießt sie die Atmosphäre. „Beim Federweißer bin ich leidenschaftslos – ich trinke ihn halt“, erzählt sie kurz und knapp.

 

Auch der Nünchritzer Bürgermeister Gerd Barthold muss natürlich kosten. Und auch für ihn ist die Federweißermeile zunächst nur Zwischenstation, weshalb er es bei einem kleinen Schluck des köstlichen Getränks belässt. Denn am Abend muss er noch eine „Amtspflicht“ bei der Festveranstaltung zum 60-jährigen Bestehen des SV Chemie Nünchritz erfüllen. Immerhin: Für den Sonntag nimmt sich der Rathauschef einen privaten Ausflug zur Federweißermeile vor.

 

Am frühen Abend erhöht sich der Zulauf des zumeist etwas älteren Weinvolkes dann beträchtlich. Besonders beliebtes Ziel ist unter anderem das Weinfassrollen auf dem Elbradweg am Fuße von Merkers Weinstuben. Eine ganze Reihe von Männern und auch drei Teilnehmerinnen versuchen sich an dem nicht leichten Parcours – mit mehr oder weniger großem Erfolg. Stets umringt ist das Schaupressen bei Familie Hoffmann/Thiede „Am Brummochsenloch“. Hier erfahren die Besucher nicht nur, dass es wirklich „der Federweiße“ heißt, sondern auch, wie „richtiger“ Wein entsteht – inklusive Kostprobe natürlich. Großer Beliebtheit erfreuen sich die angebotenen Weinwanderungen, aber auch der Streichelzoo der Hebelei oder die Hüpfburg für die kleineren Gäste. Kulinarisch bleibt in den zahlreichen Weinstuben, Strauß- und Besenwirtschaften sowie an den Ständen sowieso kaum ein Wunsch offen – es gibt unter anderem schmackhaften Zwiebelkuchen oder eben auch nur eine deftige Fettbemme vom Feinsten.

 

Und natürlich den Federweißen. „Er ist diesmal besonders süffig“, sagt Steffen Mast. Der Meißner ist vorausschauend mit dem Fahrrad ins Elbweindorf gekommen und freut sich vor allem auch darüber, dass sich die Preise für alles im Vergleich zum Weinfest in der Domstadt eine Woche zuvor im erträglichen Bereich befinden. Den Grimmaer Senioren, die gleich mit einem komplett besetzten Reisebus gekommen sind, scheint das egal zu sein. Vor dem Aussteigen werden noch schnell packenweise Plastebecher verteilt – und ab geht’s ins Getümmel. Gute Plätze zu finden, ist inzwischen gar nicht mehr so einfach. Denn längst tummeln sich tausende Gäste auf der Federweißermeile. Die zwölfte ihrer Art in Diesbar-Seußlitz ist halt eine ganz besondere – und eigentlich doch wie ihre Vorgängerinnen: einfach schön.

 

(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Ausgabe Riesa, am 4. Oktober 2011)

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