Wenn Bus und Bahn nicht miteinander reden

Wegen einer Minute Zugverspätung verpasste ein Fahrgast in Nünchritz den Anschluss nach Großenhain, weil sich der Bus an den Fahrplan hielt. Der Verkehrsverbund spricht von Kommunikationsproblemen und fehlender Technik.
Von Thomas Riemer
Es hätte ein so entspannter Sonnabendnachmittag an jenem 16. Juli werden können: Nach getaner Arbeit mit mehreren Geschäftsterminen in Riesa wollte Mark S. (Name geändert) mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Großenhain fahren und freute sich angesichts des heißen Sommerwetters auf Erholung. Doch Zug und Bus machten einen dicken Strich durch die Rechnung. Der Regionalzug aus Leipzig hatte schon in Riesa rund fünf Minuten Verspätung. Und da bis zum Erreichen des Anschlussbusses der Linie 450 in Nünchritz nach Großenhain laut Fahrplan gerade mal zwei Minuten zum Umsteigen bleiben, wurde es knapp. Mark S. hoffte dennoch, wählte den letzten Wagen im Zug, um in Nünchritz schnell rauzszuspringen. Eine Treppe noch, knapp 30 Meter – und dann würde der Bus warten. Tat er aber nicht. Als Mark S. die Hälfte der Treppenstufen geschafft hatte, fuhr der Bus an – und zeigte dem verdutzten Großenhainer die Rücklichter. Zehn Sekunden – und S. hätte es geschafft. So aber begann eine Odyssee bei knapp 30 Grad im Schatten zwischen Nünchritz und Großenhain – wegen einer Minute Zugverspätung.
„Anschlüsse zwischen den Verkehrsmitteln und der Unternehmen stellen bis heute eine Herausforderung innerhalb der Verkehrsverbünde dar“, erfuhr die SZ jetzt auf eine entsprechende Nachfrage beim Verkehrsverbund Oberelbe (VVO). Oftmals würden die beteiligten Unternehmen – in diesem Falle die Deutsche Bahn AG und ein regionales Busunternehmen – unterschiedliche Technik nutzen „und können nicht miteinander kommunizieren“, so VVO-Pressesprecher Christian Schlemper. Ob dies Mark S. an besagtem Samstag tatsächlich zum Verhängnis wurde, ist jedoch noch nicht geklärt. Denn eine Antwort der Verkehrsgesellschaft Meißen, die den Einsatz sämtlicher Busunternehmen in der Region koordiniert, steht noch aus. Laut Christian Schlemper „telefonieren die Leitstellen der Unternehmen häufig miteinander, um Anschlüsse sicher zu stellen“. Dabei würden auch so genannte Toleranzzeiten – wie lange zum Beispiel ein Bus warten kann, ohne seinen eigenen Fahrplan zu gefährden – eine Rolle spielen. „Insbesondere an Wochenenden ist aufgrund der wenigen Fahrten die Sicherung der Anschlüsse wichtig“, so der VVO-Sprecher.
Derlei Bekundungen nutzten Mark S. jedoch nichts. In Nünchritz war für ihn Schluss mit lustig. Die Alternativen ließen sich an vier Fingern abzählen. Eine Kaffeepause in der Nähe des Nünchritzer Bahnhofs bietet sich an einem Sonnabend so gut wie nicht an. Die Wartezeit auf den nächsten Bus nach Großenhain betrug zwei Stunden. Allerdings hätte Mark S. dann eine neue Fahrkarte lösen müssen. Denn das bereits bezahlte Ticket für die Fahrt von Riesa nach Großenhain für 3,80 Euro hat lediglich anderthalb Stunden Gültigkeit. Eine Taxifahrt stand – mangels Taxi - ebenfalls nicht zur Debatte. Also blieb nur die „sportliche“ Variante: Der Weg zu Fuß in die Röderstadt – bei Sommerhitze und geschätzter Entfernung von zwölf Kilometern.
Der Trost des VVO dafür fällt mager aus. Die Partnerunternehmen im VVO entscheiden nach Aussage von Christian Schlemper individuell über Entschädigungsleistungen wie die Erstattung des Fahrpreises oder die Übernahme von Taxikosten. „Einen rechtlichen Anspruch auf Kompensation gibt es im Busnahverkehr jedoch nicht“, so der Sprecher. Um solche und ähnliche Fälle künftig ausschließen zu können, werde derzeit ein rechnergestütztes Betriebssystem eingeführt, „das zukünftig eine einheitliche Kommunikation zwischen den Bussen und Bahnen in ganz Ostsachsen ermöglichen wird“. Busfahrer würden dann auf ihren Displays die Verspätung anderer Fahrzeuge sehen und könnten entsprechend reagieren, so Schlemper.
Mark S. bleibt skeptisch, ob es dieses Aufwandes tatsächlich bedarf. „Es hätte gereicht, wenn der Busfahrer nur mal in Richtung Treppe am Bahnhof geguckt hätte“, sagt er. „Dazu brauchte er keinen Display und kein Telefon, sondern lediglich etwas Feingefühl für potenzielle Fahrgäste.“

(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Lokalausgabe Riesa, am 25. Juli 2011)

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