Fünf junge Lebensretter

Fünf junge Lebensretter

Rentnerin Elvira Graf wurde bei einem Sturz mit dem Fahrrad schwer verletzt. Wer weiß, was ohne die Courage ihrer Helfer passiert wäre?

 

Von Thomas Riemer

 

Immer wieder stockt die Stimme von Elvira Graf, kämpft sie mit den

Tränen. Seit ein paar Tagen ist sie wieder zu Hause nach dem Aufenthalt

im Krankenhaus in Riesa. Das Erlebte hat die 77-Jährige gezeichnet.

Aber sie ist voller Dankbarkeit für ihre fünf jungen Retter. „Ohne Euch

wüsste ich nicht, ob ich überhaupt noch hier sitzen könnte“, sagt

Elvira Graf. Gestern bedankte sie sich in der Mittelschule „Am Schacht“

bei den couragierten Jugendlichen.

Es ist der 27. März, gegen 14 Uhr. Die rüstige Rentnerin ist auf dem

Weg von ihrer Wohnung am Stadtpark in Richtung Innenstadt. An der

Tunneldurchfahrt der Berliner Bahnstrecke passiert es. Elvira Graf will

ihr Fahrrad abbremsen. Als das nicht richtig funktioniert, greift sie

ans Geländer, verliert die Balance, stürzt – das Gesicht prallt gegen

Geländer und Wand.

„Da war überall Blut“, erinnert sich Claus Müller. Der 18-Jährige

Großenhainer hatte seine Freundin Michelle Wolf aus der Schule abgeholt

und die Tragödie bemerkt. Auch die Neuntklässlerinnen Sophia Börner,

Jenny Bennewitz (beide aus Görzig) und Anne Dietrich aus Zabeltitz

liefen aufgeregt zur Unfallstelle, um der Dame zu helfen. „Die Ärzte in

Riesa haben gesagt, dass sie alles sehr professionell gemacht haben“,

so Elvira Graf. Die Retter versorgten mit Tempotaschentüchern die

Schnittwunden im Gesicht, riefen einen Krankenwagen. Der war innerhalb

von höchstens zehn Minuten zur Stelle, brachte die Verletzte nach

Riesa. Sechs Schnittwunden im Gesicht mussten genäht werden. Während

der Behandlung wurden dann noch zwei Frakturen festgestellt, unter

anderem ein total zertrümmerter Schädelknochen in Augenhöhe. Die Ärzte

mussten eine Stahlplatte einsetzen, retteten Elvira Graf damit

vermutlich das Augenlicht.

Die vier Mädchen und Claus Müller beließen es nicht bei der Ersten

Hilfe. Sie schafften das Fahrrad zu Elvira Graf nach Hause,

informierten Nachbarn über das Geschehene. Denn Lebensgefährte

Gottfried Grahl war nicht zu Hause, kam erst am frühen Abend aus seiner

Heimat Reinhardtsgrimma. „Eine Nachbarin hat mir den Zettel mit der

Nachricht gegeben, danach bin ich sofort ins Krankenhaus“, erzählt er.

Dort habe er Elvira Graf zunächst gar nicht gleich erkannt wegen der

Blessuren. Auch Gottfried Grahl ist die Ergriffenheit, aber auch

Dankbarkeit noch heute anzumerken.

Axel Hackenberg, Schulleiter der Mittelschule „Am Schacht“, spricht von

einer „nicht alltäglichen“ Sache. Und verhehlt nicht, dass er stolz auf

„seine“ Schüler ist, auch wenn Claus Müller die Schule bereits

erfolgreich absolviert hat. „Auf alle fünf kann man sich verlassen“, so

Hackenberg. Sie hätten jene Zivilcourage gezeigt, „die wir brauchen“.

Claus Müller und die Mädchen werden nachdenklich. Denn am Unfallort

seien während ihres Hilfseinsatzes mehrere Leute einfach vorbeigegangen

oder hätten weggesehen, erzählen sie. Schließlich seien sie weder

ausgebildete Sanitäter noch haben sie je einen richtigen

Erste-Hilfe-Lehrgang absolviert. „Naja, ein bisschen was weiß man schon

darüber“, schränkt Anne Dietrich ein. Auch bei ihr wirkt das Erlebte

noch heute nach. „Das war erstmal genug Blut“, sagt sie.

„Geld oder ein Gutschein wiegt das nicht auf, was Ihr getan habt“, sagt

Elvira Graf, als sie ihren Rettern Umschläge und Blumen überreicht.

Axel Hackenberg reicht als Geste des Dankes Kino-Gutscheine weiter.

Elvira Graf wird noch eine Weile mit den Unfallfolgen kämpfen müssen.

Aber ihren Optimismus hat sie nicht verloren. Nicht ganz. „Vielleicht

fasse ich ja nie wieder ein Fahrrad an“, sagt sie nachdenklich. Und

kämpft wieder mit Tränen. Aber diesmal sind es Tränen der inneren

Freude.

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