Gröditzer SPD-Fraktion bröckelt
Was Gröditzer Politiker zum plötzlichen Rausschmiss von Hagen Görsch sagen.

Von Jane Pabst und Thomas Riemer



Per SMS erfuhr Hagen Görsch gestern früh von seinem Ausschluss aus der Gröditzer Stadtratsfraktion. „Ich bin sehr überrascht. Vor allem über die Art und Weise “, sagt er.

Am Donnerstag gab die SPD-Fraktion eine Pressemitteilung heraus. Von unüberwindlichen Meinungsverschiedenheiten und fehlender Geschlossenheit ist darin die Rede. Der Regionalgeschäftsführer der SPD Ostsachsen, Klaus Hirschnitz, erklärt: „Es gab ein Zerwürfnis innerhalb der Fraktion.“ Es sei unter anderem seine Aufgabe, „die Fraktion zusammen zu halten“. Warum dies mit Hagen Görsch nicht mehr möglich scheint, dazu schweigt Hirschnitz. „Wir wollen keine dreckige Wäsche waschen“, sagt er lediglich kurz und knapp. Nur so viel lässt er sich dann doch noch entlocken: Die Entscheidung sei nicht bei der Sitzung des Ortsvereins am Dienstag, sondern tatsächlich zwei Tage später gefallen. Doch was fiel am Dienstag vor, das zu der Trennung führte?
 
„Es gab eine Grundsatzdiskussion darüber, welche Aufgaben ein Stadtrat übernehmen sollte und wie man sich im Hinblick auf den Wahlerfolg verhält“, erzählt Hagen Görsch. Über seine politische Arbeitsweise gab es unterschiedliche Meinungen. „Mir wurde durch die Blume gesagt, dass ich der Böse bin“, sagt er. „Dass diese Diskussion allerdings zu dieser Konsequenz führte, hätte ich nicht gedacht“, fährt er fort. Über den Ausschluss von Hagen Görsch ist sein nun ehemaliger Fraktionskollege Peter Packroff sichtlich unglücklich. „Es ist sehr schade, denn seine Arbeitsweise war sehr tiefgründig und gut. Als Diplom-Finanzwirt ist er ein absoluter Fachmann mit fundiertem Wissen“, so der Unternehmer. Dennoch steht er hinter der Entscheidung. Packroff: „Es gibt manchmal im Leben Entscheidungen, die einen schwer fallen.“ Nobert Ehme (FDP) vom Bündnis für Demokratie und Zivilcourage möchte die Entscheidung nicht bewerten. Er sagt nur so viel: „Es gilt die Entscheidung zu respektieren, es gab sicher gewichtige Gründe.“

Und wie sieht Bürgermeister Jochen Reinicke den Rauswurf von Hagen Görsch? „So etwas ist immer eine ernste Geschichte. Doch es gab eine Anzahl von Dingen, die diese Entscheidung sicher notwendig machten.“ Er findet die Trennung richtig. Auch wenn die SPD-Fraktion damit ein Mitglied verliert, sieht er in dieser Entscheidung eher eine Stärkung.

Doch wie geht es nun mit Hagen Görsch weiter? Für Klaus Hirschnitz bestehe kein Grund, ihn aus der Partei herauszuwerfen. „Es ist ungeachtet dessen weiterhin Mitglied des Ortsvereins.“ Hagen Görsch will sich weiterhin politisch in Gröditz engagieren: „Mit Sicherheit übe ich mein Stadtratsmandat weiterhin aus.“ Auch vertritt der 36jährige den SPD-Unterbezirk Meißen als Kreistagsmitglied. „Immerhin bin ich schon seit 18 Jahren in der SPD“, sagt der Finanzwirt. Bürgermeister Jochen Reinicke schätzt, dass die politische Arbeit für einen fraktionslosen Stadtrat schwieriger ist. „Da ist man ja Einzelkämpfer und das ist immer schwieriger“, sagt er. Einen Zusammenschluss mit seinem Bruder Dietmar will Hagen Görsch momentan nicht ausschließen. Der sitzt ebenfalls als Fraktionsloser im Stadtrat neben ihm.
 
 „Das ist natürlich eine völlig neue und überraschende Situation“, kommentiert Bruder Dietmar die Lage. „Der Bruch war jedoch abzusehen“, sagt er nach kurzem Überlegen. Denn er habe sehr wohl gemerkt, „dass es in letzter Zeit in der SPD-Fraktion keine einheitliche Linie mehr gab“. Hagen Görsch sei wohl der Einzige dort gewesen, „der den Mund aufgemacht hat“. Das sei insofern traurig, da es ansonsten – nicht nur bei den Sozialdemokraten – fast nur Ja-Sager und „Abnicker“ im Stadtrat gebe. „Wir haben viele gemeinsame Ansichten zur Arbeit, vor allem, wenn es darum geht, dass der Stadtrat Kontrollorgan der Arbeit der Verwaltung ist“, beschreibt Dietmar Görsch den Umgang mit dem Bruder im Gremium.
Daraus Rückschlüsse für ein künftiges Zusammengehen im Stadtrat zu schließen, scheint allerdings verfrüht.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 26. November 2011)



 

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