(K)eine Männerfreundschaft

(K)eine Männerfreundschaft
Vor der Wahl eines neuen SPD-Ortsvereinsvorstandes fliegen die Fetzen. Die Zerwürfnisse reichen vier Jahre zurück.

Von Thomas Riemer
 
"SPD wählt einen neuen Ortsvorstand", ist eine simple SZ-Meldung dieser Tage überschrieben. Verkündet wird darin, dass die Gröditzer Sozialdemokraten am 1. Februar „turnusmäßig einen neuen Ortsvorstand wählen“. Der zweite Satz ist eine Feststellung: „Die Wahlen finden unter anderem vor dem Hintergrund des Rauswurfs von Vorstandsmitglied Hagen Görsch aus der SPD-Stadtratsfraktion Ende 2011 statt.“

Die Nerven liegen blank

Bei den Beteiligten liegen nun die Nerven offenbar blank. Denn Reaktionen noch am Erscheinungstag der Meldung lassen auf einen aufgescheuchten Hühnerhaufen schließen. „Über die Kurzmeldung ... bin ich ein wenig irritiert“, so Klaus Hirschnitz. Er ist Regionalgeschäftsführer der SPD Ostsachsen und gehört zu den sozialdemokratischen Urgesteinen im beschaulichen Gröditz. Der zweite Satz sei „falsch, da zwischen Partei und Fraktion kein unmittelbares Abhängigkeitsverhältnis herrscht“. So Klaus Hirschnitz, bis 2002 Ortsvereinschef der Gröditzer Sozialdemokraten. Die Trennung der Stadtratsfraktion von Herrn Görsch und die Wahl des neuen Ortsvereinsvorstandes stünden in keiner Beziehung miteinander.
Darauf legt auch Hagen Görsch selbst, der Geschasste, prinzipiell Wert. Doch der Rauswurf aus der Fraktion sitzt tief. Er sei „vor die Wahl gestellt worden“, die Fraktion von allein zu verlassen. Weil die Fraktion mit Hagen Görsch „sonst nicht mehr existiert hätte“, so Klaus Hirschnitz. Offenbarer Hintergrund: Zwei parteilose Fraktionsmitglieder wollten im Falle des Verbleibs von Hagen Görsch ihren Hut nehmen. Als der sich weigerte, zog die Fraktion die Konsequenz.
Ende November dann, an einem Donnerstag, informierte die SPD-Fraktion die Presse über die Trennung von Stadtrat Görsch. Zwei Tage vorher hatte der Ortsverein getagt, allerdings sei dort nicht darüber entschieden worden, sondern tatsächlich erst an bewusstem Donnerstag. „Es gab ein Zerwürfnis innerhalb der Fraktion“, so Klaus Hirschnitz damals. Und, befragt nach den Gründen: „Wir wollen keine dreckige Wäsche waschen.“ Hagen Görsch wiederum beklagt, bis heute die wahren Gründe nicht erfahren zu haben.
Das „Zerwürfnis“ rührt offenbar schon fast vier Jahre zurück. 2008 nämlich unterstützte Hagen Görsch – damals noch Ortsvereinsvorsitzender der SPD – im Wahlkampf ums Bürgermeisteramt seinen Bruder Dietmar. Doch der trat nicht etwa für die Sozialdemokraten, sondern für die Freien Wähler an. Hagen Görsch verlor nicht nur den Parteivorsitz, sondern wohl auch eine Menge Vertrauen bei den Genossen.
Dabei hatten die große Stücke auf ihn gehalten. „Hagen war unsere große Nachwuchshoffnung“, gesteht Klaus Hirschnitz. Aus seinen Worten spricht gleichermaßen Enttäuschung. „Ich hege keinen Groll gegen Klaus Hirschnitz“, sagt Hagen Görsch. „Wir waren sehr gute Freunde“, ergänzt er – und revidiert sich im gleichen Atemzug: „Wir sind Freunde.“ Wahre Männerfreundschaft unter Parteifreunden.
Am 1. Februar wird sie möglicherweise auf den Prüfstand gelegt. Dann wählen die derzeit 18 Mitglieder des SPD-Ortsvereins einen neuen Vorstand. Derzeit ist Hagen Görsch Stellvertreter. Ob er erneut für einen Posten im Vorstand zur Verfügung steht, will er noch nicht sagen. „Natürlich kann er kandidieren“, stellt Klaus Hirschnitz den formaljuristischen Sachstand dar. Alternativen für die Besetzung des Vorstands gibt es allerdings bereits. Mit Marco Kauer steht ein Anwärter auf den Stellvertreter-Posten beim Ortsverein zur Verfügung, geht aus der Einladung zur Jahreshauptversammlung hervor.

Auch Parteiausschluss möglich

Hagen Görsch will trotz allem SPD-Mitglied bleiben. Wie er als Fraktionsloser im Stadtrat agiert, bleibt abzuwarten. Auch im Hinblick auf die Kommunalwahl 2014. Klaus Hirschnitz stellt schon mal klar, dass ein Wahlkampf Görschs für andere Parteien oder Vereinigungen Folgen hätte. „Das wäre dann automatisch mit einem Parteiausschluss verbunden.“ Männerfreundschaft sieht wahrlich anders aus.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 11. Januar 2012)

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