Mit dem Nachtwächter durch Großenhain

 

Wenn abends am Rathaus Licht brennt
Die Händler der Innenstadt sind mit der Frühlings-Einkaufsnacht zufrieden und machen sich trotzdem Gedanken. Bei Nachtwächter und Stadtführer Klaus Hammerlik gibt’s vielleicht Antworten?
 
Von Thomas Riemer
 
„Lieber Gott, ich bin aufgeregt!“ Noch am Freitagnachmittag seufzte Klaus Hammerlik ein Stoßgebet in die Tasten des Internets. Zwar ist es schon die 13. Oder 14. Führung, bei der er Einheimische und Gäste durch Großenhain führt. Aber es ist eine besondere. Denn die Innenstadt hat zur Frühlings-Einkaufsnacht gerufen. Und für Klaus Hammerlik ist eine sogenannte Nachtwächterführung halt ein großer Anspruch.
 
Die Mär, dass in Großenhain um 18.30 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden, haben die Schaulustigen jedenfalls am Freitag tatkräftig widerlegt. „Nach zähem Anfang um 18 Uhr wurde es, je länger der Abend ging, immer besser und lustiger“, bestätigt Mike Preibisch. Der Inhaber des Telefonladens am Ende des Frauenmarktes hatte sich wie viele seiner Händlerkollegen für die Einkaufsnacht mit einem ganz speziellen Highlight gewappnet. Denn hier kommen traditionell die Fußballfans auf ihre Kosten. Diesmal ist es die Live-Übertragung aus der Dresdner Glücksgas-Arena, die die Massen magisch anzieht. Dynamo verliert zwar 0:1 – doch die Stimmung ist keineswegs getrübt, der Spaß nicht gespielt. „Die Verkaufszahlen stehen bei mir bei solchen Anlässen immer im Hintergrund“, sagt Mike Preibisch.
 
Schon lange vor 21 Uhr ist die Menschentraube vor dem Rathaus unübersehbar. Nachtwächter Klaus Hammerlik und Burgfräulein Eileen Schumann sind überwältigt, aber keineswegs überrascht ob der Resonanz. Aus Erfahrung nach den Führungen zur Advents-Einkaufsnacht, sagt der Stadtführer. Als sich der Tross in zwei Gruppen auf den historischen Stadtrundgang begibt, sind es um die 200 Interessenten. Hammerlik hofft, ihnen „das Richtige, Fröhlichmachende, Ernsthafte und Ermutigende nahe bringen zu können“.
 
Ob gewollt oder nicht: An der ersten Station, dem Eingang zur „Kugel“, kommt der Stadtführer unweigerlich darauf, dass „hier der Beginn der Großenhainer Gastlichkeit“ war. Dem stehen die heutigen Gastwirte der Stadt natürlich nicht nach. Zur Einkaufsnacht präsentieren sich viele mit eigenen Bratwurst-, Kuchen oder Bierständen. In Feuerschalen lodert es, wird die Nacht zum Tag gemacht. Trotzdem gibt’s auch Nachdenkliches zum Thema einer vielfältigen Gastronomie. „Wir vermissen einen Griechen“, sagt zum Beispiel Raiko Pöschl. Für den gleichnamigen Tabak- und Spirituosenladen in der Dresdner Straße ist es selbstverständlich, an solch einem Tag eine Nachtschicht bis um 10 einzulegen. „Damit zeigen wir doch ein Stück Gemeinschaft der Händler“, so Pöschl. Ums „große Geschäft“ gehe es dabei überhaupt nicht. „Man ist einfach da an so einem Tag.“
 
Klaus Hammerlik ist derweil ein flinker Nachtwächter. Zwischen Neumarkt und Naundorfer Straße schafft er es trotzdem, fast den gesamten Lebenslauf des größten Großenhainers, Karl Benjamin Preusker, zu beschreiben. Preusker hat wie kein anderer die Stadt geprägt – ob durch Bücher, Familie oder die Gasbeleuchtung, die irgendwann einen Nachtwächter überflüssig machen sollte. Klaus Hammerlik gerät ins Schwärmen – auch, als er über den Ideenreichtum der heutigen Großenhainer Generation spricht. Fast alle der zuhauf an der Einkaufsnacht beteiligten Geschäfte bestätigen ihn symbolisch. Im Kaufhaus Quaas werden Kartoffelpuffer gebraten. Bei Prooptik auf dem Hauptmarkt können die Kunden beim Wii-Basketball einen Brillengutschein gewinnen. Anette Spieker-Poguntke von Atlas-Reisen ist komplett auf Wander- und Radtouren eingestellt – mit Picknick-Korb, Rennrad und Trinkflasche als Schaufenster-Dekoration. Ja, durch das Internet sei es für die Reisebüros heute ungleich schwerer als früher, sagt sie. Doch warum klagen? Der Umzug auf den Frauenmarkt habe sich positiv ausgewirkt, fügt sie hinzu.
 
Auch Klaus Hammerlik kann auf den Einsatz seiner Utensilien – die Tröte und die „Leipziger Schnorre“, kurz Stadionrassel – diesmal verzichten. Sein Nachtwächter-Auftritt ist Werbung in eigener Sache. Und nicht nur wegen der Dunkelheit weicht keiner seiner Begleiter von seiner Seite. Dann aber passiert es doch: Als der Nachtwächter in der Naundorfer Straße 12 den ältesten Schlussstein zeigen will, geht das Licht aus. 21.45 Uhr ist es da. Zum Glück bleibt der Bürgersteig trotzdem begehbar.
 
Am Lessingplatz läutet der Nachtwächter das Halali ein. „Hier wurde früher Kirmes gefeiert“, weiß der Stadtführer. Das Areal hieß auch mal Lindenplatz. Aber Lessing – das erinnert an dessen Geburtsstadt Kamenz. Und Kamenz erinnert Klaus Hammerlik an den Großenhainer Traum vom Tag der Sachsen. Aus vielerlei Gründen. Vor allem wohl wegen der Aussicht, dass damit ein neues, größeres Stadtmuseum gleich um die Ecke in der alten Kelterei entstehen soll. Es sei jedenfalls jammerschade, dass rund 90 Prozent des Museumsfundus‘ derzeit nicht gezeigt werden können und stattdessen im Depots vor sich hin stehen.   Schon deshalb muss eine Lösung her, meint Klaus Hammerlik. „Zukunft bedeutet Herkunft“, sagt er spitzfindig.
 
Es ist Viertel nach Zehn, als sich die Nachtwächterführung am Großenhainer Schloss dem Ende zuneigt. „Das Schloss ist unser Schnittpunkt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, glaubt der Stadtführer. Ein Zeichen, dass weder Brände, Tornado noch andere Katastrophen die Menschen hier kleinkriegen konnten. „Als ich vor 16 Jahren nach Großenhain kam, sah es hier noch schlimm aus“ erinnert Hammerlik an die Situation vor dem Sclossneubau zur Landesgartenschau. Und als er die Führungsteilnehmer zum Besteigen des Bergfrieds einlädt, sehen die zwar wegen der Dunkelheit nicht alles von der Großenhainer Schönheit – auch nicht die vielen neuen Dächer. Aber sie hören den Puls der Stadt. Denn trotz vorgerückter Stunde haben die Gäste der des Frühlingseinkaufs die Nacht zum Tage gemacht. Musik klingt aus den Lautsprechern, die Feuer erlöschen nur langsam, Grillgeruch überall. „Großenhain war immer eine gastfreundliche Stadt“, sagt Klaus Hammerlik. Recht hat er.
 
(Sächsische Zeitung Großenhain, 26. März 2012)

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