Lorenzmarkt ist kein Jahrmarkt der Sensationen

Die Hitze schreckte die Menschen am Wochenende offenbar von einem Besuch des Jahrmarktes auf den Elbwiesen ab. Wer trotzdem kam, hatte viel Platz auf dem Festgelände und brauchte eine gut gefüllte Geldbörse.

Von Thomas Riemer

Lorenzkirch feiert! Das ganze Dorf ist auf den Beinen, schleppt frisches Obst, Bratwürste, Kuchen zu den Elbwiesen. Dort, auf dem Lorenzmarkt, florieren Handel und Unterhaltung. Staunende Kinder drängeln sich zu den Karussells, Losbuden und weiteren Attraktionen. Derweil lachen die Eltern Tränen vor den Bühnen der Marktschreier und erhaschen am Klamottenstand preisgünstige Shirts, Hosen oder auch Unterwäsche. Die lange Suche nach einem Parkplatz ist vergessen.

So war’s mal, sagen Besucher, die am Wochenende eine Stippvisite bei einem der ältesten Volksfeste entlang der Röder wagten. Der Jahrgang 2011 indes fällt nicht nur aus ihrer Sicht weit überschaubarer aus. Auch Händler, Schausteller und Verkäufer haben weniger zu tun als in der Vergangenheit. Das mag viele Gründe haben. Doch schon auf dem Parkplatz vor dem Festgelände bleibt das Gros der Flächen verwaist. Im vorderen Bereich wirbelt zwar Staub auf, wenn ein Fahrzeug anrückt. Weiter hinten indes ist die Wiese sogar noch am Nachmittag etwas feucht und frisch. „Die Hitze hält viele Leute ab“, glaubt eine Textil-Händlerin. Sie hat sich mit Strickzeug in den hinteren Teil ihres überdachten Standes gesetzt. Hier ist zwar Schatten – der Wärme aber kann sie nicht entfliehen. Nur selten muss sie ihr Fleißwerk mit Wolle und Nadeln unterbrechen, wenn denn doch ein paar neugierige Blicke auf ihre Waren geworfen werden.

Ein paar Schritte weg scherzen zwei Männer etwas gequält. Sie tragen Turban – wohl nicht wegen der Sonne. Das Gros der Händler im elbabwärts angesiedelten Markt kommt nicht von hier, sondern eher aus Indien oder Pakistan. Ihre Ware aber nicht. „Sensationelle“ oder auch nur „Top-Preise“ versprechen die Schilder für Hosen, Tücher, Spielzeug oder auch dicke Socken im Sechserpack. Auch hier verirrt sich nur eine Handvoll Schnäppchenjäger in die sorgfältig sortierten Reihen an Einweg-Bügeln aufgehängter Sachen. Immerhin wird die potenzielle Kundschaft geschickt von dem einen zum nächsten Turban-Träger lanciert. Man kennt sich halt.

Endlich wird es turbulent. Und laut. Beim „Formel-Eins-Rennen“ von Monaco donnern heiße Rhythmen. Der kleine Fabian sitzt stolz in einem der „Rennautos“, die ihn auf dem Schienen-Rundkurs für zwei oder auch drei Minuten zumindest gefühlsmäßig in die Welt der Vettels und Schumachers eintauchen lassen. Der Unterschied: Fabian hat lediglich einen einzigen Konkurrenten – die anderen Flitzer bleiben verwaist. „Heut ist Schulanfang“, murmelt der Kassenwart vielsagend und auch leicht genervt. Und blickt suchend nach der nächsten Kundschaft.

Die steht an der benachbarten Losbude. Ein Los 50 Cent, elf Lose fünf Euro. Für zehn Euro kriegen die Glücksucher dann schon einen saftigen Rabatt – nämlich 25 papierne Hoffnungsträger. Und natürlich „garantiert ohne Nieten“. Klaus Ferner, der in jedem Jahr mit seiner Familie aus dem Brandenburgischen auf den Lorenzmarkt kommt – „aus Tradition“ – wendet sich ab. „An der Bude auf der anderen Seite hab ich 33 Lose für zehn Euro gekriegt“, sagt er. Konkurrenz ist eben überall und belebt die Szene. Da haben es andere Schausteller besser. Auto-Scooter oder „Hawai-Twing“ gibt es hier nicht zwei Mal. Doch auch dort steht zwar die Luft, aber kein wilder Gästeandrang.

Vielleicht im großen weißen Bierzelt? Fehlanzeige – zumindest so kurz vor 18 Uhr. „Vorhin, beim Chorkonzert, war hier schon ein bisschen was los“, sagt die junge blonde Verkäuferin am Getränkestand. Sie hofft auf den Abend, wenn das gleißende Licht den Attraktionen zusätzlichen Glanz verleiht. Vier Euro für zwei Wasser knöpft sie nebenbei Klaus Ferner ab. Der rechnet. „Also insgesamt sechs Euro“, sagt er dann. Denn um das Wasser in dem graublauen Wagen gleich gegenüber später wieder loszuwerden, muss die vierköpfige Familie nochmals vier Fünfziger in den Geldschlitz werfen. Dass dort am Drehkreuz und hinter den Türen alles glatt abläuft, darüber wacht ein mal freundlich und mal grimmig blickender Mittfünfziger, der ein wenig an Otfried Fischer, aber so gar nicht an Pfarrer Braun, erinnert.

Gut eine Stunde hat es gedauert, um die Runde über den Lorenzmarkt zu absolvieren. Klaus Ferners Geldbörse ist empfindlich leichter geworden. Die Taschen jedoch nicht schwerer. Fast 80 Euro haben Ferners für Essen, Trinken, Karussellfahrten, Los- und Schießbuden, Lebkuchenherzen und Toilettenbenutzung ausgegeben. Den beiden Sprösslingen hat es offenbar gefallen. „Das ist eben kein Jahrmarkt der Sensationen“, sagt das Familienoberhaupt und wischt den Schweiß von der Stirn. Nächstes Jahr wolle er wiederkommen. Weil der Lorenzmarkt Tradition ist.

(erschienen in der Sächsischen Zeitung, Lokalausgabe Riesa, am 22. August 2011)

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