Warum die Kutsche kippte

Warum die Kutsche ins Kippen kam

 


Nach dem Unfall vom Sonntag nahe Gostewitz wird nach den Ursachen geforscht. Der Kutscher
hat Erfahrung. Hätte er das Unglück verhindern können? Und warum scheute das Pferd?

Von Thomas Riemer

Jan Giehrisch spricht von „einem der schwärzesten Momente“. Und hofft innigst, dass es inzwischen allen Beteiligten wieder gut geht.
Denn als auf „seinem“ Gut Gostewitz am Sonntagnachmittag der Kunst- und Handwerkermarkt bei bestem Wetter und Laune gefeiert wurde, gab es ein paar hundert Meter entfernt ein Drama. Eine vollbesetzte Pferdekutsche, die zwischen Pahrenz und Gostewitz im Pendelverkehr eingesetzt war, kippte in einen Straßengraben. Ein elf Monate altes Kind wurde so schwer verletzt, dass es zur Beobachtung ins Krankenhaus musste. Nach SZ-Informationen dauerte die Behandlung auch gestern an. Zwölf weitere Personen wurden nach Polizeiangaben leicht verletzt.

Rettungskräfte schnell vor Ort

„Die Kutsche kippte ziemlich langsam“, erinnert sich Bernd Kretzschmar. Der Zeithainer war mit Frau und einem Pflegekind Augenzeuge. „Wir saßen ganz vorn rechts, gleich hinter dem Kutscher“, erzählt er. Was Auslöser für den Unfall gab, könne er nicht sagen. „Eins der Pferde hat plötzlich gesponnen“, so Kretzschmar. Es habe sich dann wohl in der Deichsel verkeilt. Er selbst habe sein Kind (4) umklammert, durch den Druck riss dann eine Tischplatte aus der Verankerung. Zum Glück blieb es bei Kretzschmars bei Schürfwunden.
Inzwischen laufen die Untersuchungen auf Hochtouren. Soviel ist klar: „Der Kutscher ist nicht unter Alkohol gefahren“, bestätigt Wolfgang Kießling, Sprecher der Polizeidirektion Osterzgebirge-Oberes Elbtal. „Er hat nichts falsch gemacht“, sagt Dirk Haubold. Der Chef des Riesaer Kulturwerkes hat selbst am Wochenende eine der drei Kutschen gelenkt im Auftrag des Familienbetriebes Gürntke aus Dresden. Er kenne den Kutscher gut, es sei ein erfahrener Mann, habe alle nötigen Nachweise, um solche Fahrten durchzuführen. Dass ein Pferd einmal scheut – das sei ein Risiko, mit dem man jederzeit leben müsse, so Haubold. Letztlich sei es dem besonnenen Handeln des Kutschers zu verdanken, dass die Pferde nach dem Unfall relativ schnell wieder beruhigt wurden und somit Schlimmeres verhindert wurde. Auch Bernd Kretzschmar hat es so gesehen. „Die Kutsche war stabil, der Fahrer in Ordnung“, sagt er. „Das ist ein Berufskutscher“, so seine Beobachtung. Auch sonst sei vor Ort alles sehr schnell und kontrolliert gewesen. Die Rettungskräfte waren sofort da, „das ging fix“, so Kretzschmar. Auch der Abtransport der Leicht- und Unverletzten sei sofort – auch unter Mitwirkung des Kutschers – organisiert worden. „Da kamen sogar Leute quer übers Feld aus Prausitz, um zu helfen“, so Dirk Haubold.

Unglück auf freier Strecke

Hätte das Unglück trotzdem verhindert werden können? Das Fuhrunternehmen Gürntke hat nach SZ-Recherchen vor dem Wochenende sämtliche Vorkehrungen getroffen. Die Streckenführung sei vorher unter die Lupe genommen worden. Die Pferde seien für derartige Veranstaltungen ausgebildet und große Belastungen gewohnt. „Es war auch kein Verkehr an der Stelle“, so Dirk Haubold. Der Unfall passierte auf freier Strecke. Damit erhält die Vermutung, das Pferd sei durch irgendein unvorhergesehenes Ereignis irritiert gewesen, weitere Nahrung. Ob es durch einen Wespenstich geschah, wie Axel Gürntke gegenüber der SZ vermutete, dazu gibt es bislang jedoch keine zuverlässigen Aussagen.
„Die Kutscher tut mir leid“, beschreibt Bernd Kretzschmar seine Gefühle. Sie müssten – wie auch in diesem Fall – oft auf sehr schmalen Straßen Tiere und Kutsche beherrschen und wegen forscher Autofahrer stets am äußersten rechten Straßenrand fahren. Wenn dann bis zum Straßengraben nur noch wenige Zentimeter Platz bleiben, erhöhe sich das Risiko. Auch Dirk Haubold glaubt, dass vielleicht gar nichts passiert wäre, wenn es keinen Graben gegeben hätte. „Der Kutscher hat ja noch versucht, vom Graben wegzulenken. Aber dafür reichte die Zeit nicht mehr“, so Haubold. Jetzt hoffen alle, dass das kleine Kind schnell und gesund aus dem Krankenhaus entlassen werden kann. Für Jan Giehrisch, dem die Sache mächtig an die Nieren geht, ist dies das Allerwichtigste. Erst dann könne er, wie er und die Crew des Gostewitzer Festes das immer tun, „die Seele baumeln lassen“.
Für Dirk Haubold ist alles „natürlich bedauerlich“, was passiert ist. Aber er sagt auch mit Blick auf die Umsicht des Kutschers: „Wir haben Glück gehabt.“

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