Wenn Prominente Märchen erzählen
Rund 300 Zuhörer kamen am Sonnabend zur Premiere des Märchenlesefestes. Vor allem viele Kinder ließen sich in den Bann der Geschichten ziehen. Der Cheforganisator freut sich und kündigt eine Fortsetzung an.
 
Von Thomas Riemer
 
„Uiiii uiiii uiiii, tut das weh!“ Als der Teufel die gestohlenen Pfannekuchen vertilgt hatte, wölbt sich sein Bauch bedrohlich ob der Schmerzen. Und Omas Geburtstagsfeier gerät durch den hungrigen Gesellen in große Gefahr. Letztlich wird daraus „Alarm im Kasperletheater“. Natürlich mit glücklichem Ausgang dank des umsichtigen Schutzmannes Schill…
 
Der „Schutzmann“ kam am Samstag im Mehrgenerationenhaus auf der Alleestraße wie selbstverständlich in Polizeiuniform – und es war der „Echte“ in Gestalt des Riesaer Polizeichefs Hermann Braunger. Er gehörte zu den Prominenten, die ihre Lieblingsgeschichten bei der Premiere des Märchenlesefestes in der Elbestadt vorlasen. Zwei Dutzend Zuhörer folgten der unnachahmlichen Vortragsweise des Polizeichefs, der ja bekanntermaßen auch als Hobby-Schauspieler durchaus Karriere machen könnte. „Alarm im Kasperletheater“ war ihm da natürlich auf den Leib geschnitten. Braunger hatte sich vorher intensiv mit dem Märchen befasst. Im Internet schaute er sich die Verfilmung an, die gereimte Geschichte bereicherte er mit Illustrationen. „Ich hatte das Gefühl, dass mancher der Erwachsenen den meisten Spaß hatte“, so Braunger nach der Veranstaltung. Als gelernter Buchdrucker freue er sich über die Idee des Märchenlesefestes ganz besonders. Und wenn er gefragt würde, ob er nochmals als Vorleser kommt? „Ich würde es wieder machen“, sagt Braunger.
 
Sieben Lesungen an verschiedenen Orten Riesas hatten die Bücherfreunde Riesa sowie die Kinder- und Jugendbibliothek vorbereitet und dafür auch prominente Erzähler gewinnen können. Siegfried Martick zum Beispiel, den Ehrenvorsitzenden des Sportclubs. Er kam im historischen Kostüm in die Backstube von Bäcker Brade und hatte sich „Hänsel und Gretel“ als sein Lieblingsmärchen für die Gäste ausgesucht. Passend dazu servierte der Bäckermeister Kekse und Kakao. Als Zugabe gab es noch etwas Moderneres – die „Mondmänner“. In der Kulturwerkstatt Art brachte der katholische Pfarrer Ludger Kauder dem Publikum zwei italienische Märchen zu Gehör, Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer hatte für ihre Lesung im Klosternordflügel „Die Schneekönigin“ ausgesucht, Pfarrer Johann Stein las in der Klosterkirche die Geschichte vom „Fischer und sin Frau“. Und Kinderärztin Dr. Kathleen Kunze trug, umringt von rund 60 Kindern im überfüllten Kaminzimmer auf der Chemnitzer Straße, „Däumelinchen“ vor. Der Landtagsabgeordnete und Mitorganisator des Lesefestes Geert Mackenroth, der mit seiner Frau zwei der sechs Lesungen miterlebte, fühlte sich dabei sogar an einen Abend in der Großfamilie erinnert.
 
Im Kaminzimmer schwitzte buchstäblich auch der Riesaer Riese Gunter Spies bei einer Märchenlesung mit vielen roten Köpfen. Das lag zunächst an der Hitze im Raum, danach an einem an der falschen Stelle klingelnden Handy einer Zuhörerin und nicht zuletzt an der schweißtreibenden Geschichte. „Der Riesaer Riese hilft dem Weihnachtsmann“ – so das Thema. Sie ist dem zweiten von drei Malbüchern über den „Riesen“ entnommen und zog die junge Zuhörerschaft natürlich voll in ihren Bann, wohl auch, weil der Riese sie mit Illustrationen ergänzte. Und da nach dem Lesen trotzdem noch Zeit blieb, fragte Gunter Spies gleich mal nach aktuellen Weihnachtswünschen. „Da waren schon ein paar außergewöhnliche dabei“, kommentierte er. „Ein Puppenwagen war noch das herkömmlichste.“
„Wir haben insgesamt über 300 Märchenfreunde erreicht – für die Premiere nicht schlecht“, resümierte Geert Mackenroth nach den Lesungen. Nicht nur er empfand das Lesefest als eine „Bereicherung für Riesa“. Auch Gunter Spies sprach von einem „vollen Erfolg“. Sehr schön und eine tolle Idee sei die Tatsache gewesen, dass alle teilnehmenden Kinder einen Bibliotheksgutschein im Wert von drei Euro erhielten, der für die einmalige Einschreibungsgebühr in der Bibliothek oder auch für die Ausleihe verwendet werden kann. Dafür hätte sich die Organisatoren ein dickes Dankeschön verdient.
 
Geert Mackenroth machte sich trotzdem so seine Gedanken. Ihm sei aufgefallen, dass – während die meisten Kinder gespannt den Geschichten lauschten - einige gelegentlich lärmten oder auch störten und „erkennbar Schwierigkeiten hatten, sich auf das Zuhören zu konzentrieren“. Dies zeige exemplarisch, wie nötig solche Aktionen sind. Er werde jetzt mit den Bücherfreunden „die Dinge bei einer Manöverkritik auswerten im Hinblick auf Vorleser, Vorleseorte und alternative Angebote“. Für die nächsten Jahre wolle er sich stark machen für eine Wiederholung, auch finanziell. „In jedem Fall: Fortsetzung folgt“, verspricht Geert Mackenroth.
 
(erschienen in der Sächsischen Zeitung Riesa am 21. November 2011)

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