Zwanzig Minuten Todesangst

 
 
„Wenn es regnet, haben wir doch ein Dach in der Nähe.“ Thomas R. (46) sagt es zu seiner Frau Annett (37) und den Kindern Vivian und Justin. Es ist der 24. Mai 2010, kurz vor drei Uhr nachmittags im Großenhainer Stadtpark. Pfingstmontag. Feiertag. Mühlentag. Auch in und um Großenhain in Sachsen.
 
Knapp eine halbe Stunde später ist nichts mehr, wie es vorher in dem kleinen Röderstädtchen war. Umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer, zerstörte Häuser und Autos, kaputte Straßen, umgestürzte Bagger. Verstörte Menschen. Ein sechsjähriges Mädchen stirbt, erschlagen von einem Baum im angeblich sicheren Auto. Offiziell knapp 40 Menschen werden verletzt. Über das kleine Städtchen ist ein Tornado von dort bislang ungeahnter Stärke hinweg gezogen. „In fünfzehn Minuten ist alles kaputt gemacht worden, was wir in fünfzehn Jahren aufgebaut haben“, wird Großenhains Oberbürgermeister Burkhard Müller (CDU) am Abend in Presse, Rundfunk und Fernsehen zitiert.
 
Für Thomas R. und seine Familie fing der Tag im wahrsten Wortsinne trübe an. Dicke Wolken und Regen am Vormittag. Erst nach dem Festtagsessen bricht sich die Sonne einen Weg durch das Grau. Grünes Licht sozusagen für den alljährlichen Pfingstausflug – diesmal zum Mühlentag ins benachbarte Skassa. Auch wenn Vivian und Justin protestieren: „Das ist doch langweilig.“ Die beiden aufgeweckten Kiddies ringen den Eltern das Versprechen ab, auf dem Rückweg am Bolzplatz im Stadtpark halt zu machen. Fußball ist eine ihrer Leidenschaften. Wir alle ahnen nicht, dass die Radtour mit einer Katastrophe ihr jähes Ende finden wird.
 
 
Es ist gegen 15 Uhr, als sich der Himmel verdunkelt. „Das zieht vorbei“, sagt Thomas R. „Hoffentlich“, bangt Annett. Sekunden später kreischt sie. „Kommt schnell unters Dach.“ Vom Hartplatz der benachbarten Sportstätte Jahnkampfbahn – aus völlig unüblicher und daher unerwarteter Richtung – naht Starkregen. Sturm kommt auf, Hagelkörner in Faustgröße prasseln auf das schützende Dach des kleinen Vereinsheimes am Bolzplatz. Wir stehen im Trocknen – und werden durch umstürzende Bäume und ein lautes, prasselndes Geräusch aufgeschreckt. Auf „unser“ Dach stürzen Bäume, fällt Geäst. Es klingt, als ob alles um uns herum zu Bersten beginnt. Meterdicke Baumstämme stürzen auf Wege, Wiesen, Autos. Vivian hat das Fahrrad ihres neunjährigen Bruders zwischen den Bäumen ausgemacht, achtlos auf der Wiese liegend. Der Teenager will losrennen – und erstarrt. Bruchteile von Sekunden später bricht die 12-Jährige in Tränen aus. Angst. Chaos. Panik. Aus einem Weinen wird ein Kreischen, Schreien, dann ein hilfloses Wimmern. Annett und Thomas verbergen ähnliche Gefühle und nehmen erst ihre Große, dann den Kleinen in einen angstvollen Familienkreis. Wird das Dach halten? Werden die vermeintlich dünnen Teile aus Mauerwerk, Holz und Dachpappe der zentnerschweren Last umstürzender Bäume Stand halten? Und was, wenn nicht? Wieder dieses berstende unheilvolle Geräusch. Der nächste Baum… Und wieder einer… In rasender Geschwindigkeit knicken die Gehölze des Stadtparkes wie Streichhölzer. Zig Jahre Wachstum – in einer Sekunde vorbei. R.s haben Glück im Unglück: Das Dach hält.
 
Längst ist aus Hagel Regen geworden. Nur das ächzende Geräusch brechender Bäume und Äste ist zu vernehmen. 20 Minuten sind vergangen. Nur 20 Minuten. Endlose 20 Minuten. Vivian ist noch immer völlig verstört, ja apathisch. Dem angstvollen Wimmern mischt sich Sorge bei. Was ist mit den beiden Freundinnen, die sie auf dem Weg zum Bolzplatz noch getroffen hat? Konnten sie sich auf dem Weg zum Pavillon – einem Treff der „Clique“ - irgendwie retten? Was, wenn nicht? „Ich will nach Hause“, sagt Vivian flehend. „Ok, fahren wir. Aber vorsichtig“, entgegnet der Vater. „Aber nicht durch den Stadtpark“, haucht die 12-Jährige. Der Regen hat ihre Tränen verschluckt. Triefend hängt das lange rotschwarze Haar auf den Schultern. Der Stadtpark, schönster Spielplatz der beiden Kinder, ist tabu. Wo vorher herrlichste Wege zum Radfahren, Joggen und Plätze für Abenteuer waren, liegen meterdicke Bäume. Hier ist nichts, wie es vorher war.
 
 
Der Hartplatz auf der Jahnkampfbahn zehn Minuten nach dem Sturm: Hier wird sonst Fußball gespielt.  
   
 
Vivian will nur noch weg. Sie sucht ihr Fahrrad. Gestrüpp hat sich in der Kette festgebissen. Das Mädchen kommt nicht weiter, stürzt. Weint, wimmert, flucht. Mutter Annetts Zweirad rettet die Situation. Vivian fährt los – ohne Blick für das zerstörte Umfeld. Nur noch nach Hause. Brüderchen Justin steht der Schreck gleichfalls ins Gesicht geschrieben. „Warum weint Vivi so dolle?“ fragt er immer wieder. Zusammen mit Mama und Papa macht auch er sich auf den Weg nach Hause. Drei Kilometer, vorbei an entsetzten Menschen, an wild umherliegendem Gestrüpp, an zersplitterten Fensterscheiben, zerbrochenen Dachziegeln, ersten Katastrophenhilfskräften. Justys Blicke gehen sorgenvoll zu dem Platz, auf dem der kleine Fußballer zwei Mal pro Woche trainiert und an den Sonnabenden bei den Punktspielen dem runden Leder hinterher jagt. An den Kick an den Ball ist hier auf den ersten Blick auf Wochen hin nicht zu denken. Hart- und Rasenplatz, so scheint es, sind hin.
 
Nur die Stahlwand des Simmingpools hielt daheim dem Sturm nicht stand. 
Nur die Stahlwand des Swimmigpools hielt dem Sturm nicht stand.  
   
 
Der Klageweg endet zu Hause am Großenhainer Stadtrand. Quälend lange Minuten haben Thomas, Annett, Vivian und Justin an das Szenario gedacht, das sie jetzt erwartet. Der zur Wohnung umgebaute ehemalige Wasserturm schräg gegenüber steht noch. Unversehrt. Der ans Grundstück angrenzende Spielplatz ist mit Ästen übersät, eine Birke ist gefallen. Die Stahlwand des Swimmingpools auf der Wiese hinterm Haus liegt zusammengeknüllt auf dem Grün. Das kleine rosafarbene Eigenheim steht noch. Der panische Blick auf das Dach verheißt ausnahmsweise Gutes: Kein Ziegel ist gefallen, keiner gelockert. Der erste Blick ins Innere erleichtert. Auch der zweite. Nur der Griff zum Lichtschalter ist erfolglos. Auch der zur Fernbedienung des Fernsehers. Der Strom ist weg. Vivian kommt die Treppe herunter. Ihr Zimmer, auch das ihres Bruders, das gesamte Obergeschoss sind unversehrt. Sie setzt sich aufgewühlt in den Sessel im Wohnzimmer, zieht die Beine an den Körper, umklammert sie mit den Armen. Das Wimmern ist gewichen. Der angstvolle Blick nicht. Die verschmierte Schminke macht die Augen noch dunkler. „Papa, was war das?“ Thomas hat noch keine Antwort. „Ein schwerer Sturm“, sagt er dann. „Hätten wir sterben können?“ fragt die 12-Jährige. „Ich glaube schon. Wir haben nur viel Schwein gehabt und waren dem Tod wohl ganz nahe“, sagt Thomas. Dann sucht er Kerzen und Batterien fürs Radio.

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